02 Juli 2007

Berlin: never a stop and never a finish

Am Wochenende hatte ich das Vergnügen, in Berlin weilen zu dürfen, und auf dem Geburtstag eines bekannten Grazer Literaten (O-Ton: "In Graz werden die Dichter für den Export hergestellt...") mit neuen und alten Bekannten dem Alkohol zuzusprechen. Da kam der Vorschlag, am späten Sonntag nachmittag die müden Augen in einem etwas angedunkelten Ausstellungsraum zu schonen, gerade recht.

Museum am Hamburger Bahnhof - wo früher eine abgelegene Grenzübergangstelle am "antifaschistischen Schutzwall" beheimatet war, tobt heute der Durchgangsverkehr zum Hauptstadt-Bahnhof, der sich langsam aber sicher zu einem der beliebtesten Berliner Wallfahrtsorte entwickelt.

Früher reiste Bolle an Pfingsten vom Bahnhof nach Pankow, heute ist die Haltestelle an den Gleisen ein Shopping-Center, und die liebt der Berliner allemal. Zumal es wie im vorliegenden Falle noch mit Superlativen wie "Sandsation, die schönsten Sandburgen weit und breit, natürlich gegen eine nicht geringe Gebühr" im Bundle verramscht wird, aber da steht der Berliner ja auch drauf. Der Berliner ist nämlich geil vor Geiz.

Zurück zum Hamburger Bahnhof - auch hier hat der Berliner Geiz ja bekanntlich Rädchen geschlagen vor lauter Missgunst, weil hier das teure Steuergeld, welches den Bolles dieser Welt ja eigentlichen in Form von monatlicher Hartz4-Berieselung zusteht, für die Präsentation von nicht leicht konsumierbarer Kunst ausgegeben wird. Eines der letzten Beispiele: die Unterstützung der öffentlichen Hand, um einen Teil der Sammlung Flick in den ehemaligen und inzwischen kunstfertig umgebauten Räumen der Spedition Rick der interessierten Öffentlichkeit zeigen zu können.

"There is never a stop and never a finish - In memoriam Jason Rhoades" heißt die aktuelle Ausstellung - kurz gesagt: Sie korrespondiert wunderbar mit anderen Exponaten, die im Haupthaus zum bitteren Thema "Schmerz" zusammen getragen wurden. Ich jedenfalls kann den Videos und den öffentlichen Happenings, die in den Siebziger Jahren als avangardistische Konzeptkunst verkauft wurden, inzwischen noch weniger abgewinnen - auch wenn die Aussage - Schwarzenegger ist Terminator - Terminator ist Schwarzenegger, für die Jason Rhoades Preise einheimste, so banal ist, dass sie schon wieder tief schürfend wie zeitaktuell wirkt.

Was lernen wir aus diesem Sonntag nachmittag:

Der Berliner als solch ist mit einem anderen Kunstbegriff geschlagen als der Rest der Welt. Restalkohol hilft nur bedingt gegen laute Ausstellungen.

Jason Rhoades ist an AIDS gestorben. Sein Kollege und Mitstreiter Paul McCarthy ist genauso eine Knallpfeife, der Gestammel, öffentliche Masturbation und das wahllose entleeren von Farbeimern als Gesellschaftskritik verkaufen konnte.

Flick hatte auch nicht alle Tassen im Schrank.

Ein Ausflug inne Hauptstadt führt uns Hamburger Landeiern doch mal wieder vor Augen, wie provinziell wir sind. (Als die spannendsten Ausstellungsprojekte werden hier das piefige Schifffahrtsmuseum des Ex-Vorstandsvorsitzender des Axel-Springer-Verlages und Alt-Reaktionärs Peter Tamm sowie das Projekt "Protopyp", ein Automobil-Museum in der Speicherstadt gehandelt. )

Ja, Berlin ist doch ganz spannend.

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