14 September 2009

Andrea Coleman: Mutter Courage bei Riders for Health

Wer das schläfrige englische Kleinstädtchen Daventry besucht, käme nicht im Traum darauf, dass dort hoch erfolgreich gegen AIDS, Malaria und Tuberkulose in Afrika gekämpft wird. Bis man auf Andrea Coleman trifft, die charismatische Chefin von Riders for Health.


Andrea Coleman ist ein wandelndes Energiebündel und auffallend scharfzüngig; sie feuert ihre Worte ab wie Brandpfeile. Kaum hat man im Gespräch das Stichwort Afrika fallen lassen, legt sie schon los: „Es ist eine verfluchte Schande. Menschen müssen sterben, nur weil Helfer und Medikamente nicht bei ihnen ankommen.“

Und schon ist sie bei ihrem Thema, ihrer großen Vision: Seit Anfang der Neunziger Jahre bringt Riders for Health afrikanischen Hebammen, Gesundheitsberatern, Ärzten und Krankenschwestern das Motorradfahren bei und überbrückt damit die tödliche Lücke zwischen Not vor Ort und wirkungsvoller Hilfe.

Finanziert wird Riders durch Spenden – gesammelt auf Weihnachtsfeiern oder von Motorradclubs – und durch regelmäßige Einnahmen aus Verträgen mit schwarz-afrikanischen Ländern. Denn dort unterhält Riders Schulungszentren für einheimische Fahrer und Zweirad-Werkstätten – alles mit dem Ziel, Wissen und Impfstoffe auch in noch so entlegene Weiler zu bringen.

„Alles fing damit an, dass mein Mann Barry und ich 1988 für Save The Children nach Somalia fuhren“, erinnert sich Andrea. Mit von der Partie war auch Randy Mamola, in den Achtzigern einer der festen Größen der 500-Kubik-Motorrad-Weltmeisterschaften. Mamola gewann nie den Titel, aber war der Held der Fans – auch deshalb, weil er über den Tellerrand des Rennkurses hinausblickte und aus seinem sozialen Engagement keinen Hehl machte.

Andrea sagt:„Randy, Barry und ich waren geschockt. In den Städten gab es Krankenschwestern und die notwendigen Medikamente. Aber weit draußen, in den Dörfern, da gab es nichts. Weil keine Straße hinführte oder die teuren 4x4-Jeeps wegen mangelnder Pflege oder einem fehlenden Ersatzteil nicht mehr fuhren. Die Health Worker gingen teilweise zu Fuß.“

Die Lösung lag auf der Hand: kleine, wartungsarme Motorräder. Zwei- oder Viertakter einfachster Bauart mit 125 oder 250 Kubik - zuverlässig und genügsam mussten sie sein. Andrea Coleman, die in jungen Jahren selbst Rennen in der britischen Meisterschaft gefahren war, und Randy Mamola legten los: Sie schwatzten Honda und Yamaha die ersten Motorräder als Spende ab, überzeugten Prinzessin Ann, als Schirmherrin zu fungieren, und gründeten Ende 1996 Riders for Health.

Was haben eine ehemalige PR-Frau und der Mann aus dem Renn-Zirkus mit ernsthafter Entwicklungshilfe zu schaffen? Gut zwölf Jahre später hat das Außenseiter-Team eine beeindruckende Bilanz vorzuweisen: Riders hat eine kleine Zentrale in England und über 230 Mitarbeiter in Afrika unter Vertrag. Die meisten arbeiten in den sechs Ländern Gambia, Zimbabwe, Nigeria, Kenia, Tansania und Lesotho. „Unsere Leute sind alle Einheimische. Ausländer wären viel zu teuer und nehmen ihr Know-how gerne wieder mit“, lacht Coleman. „Wir bauen es ganz bewusst lokal auf.“

Die Riders-Crews halten zur Zeit über 1300 Fahrzeuge am Laufen und erschließen damit einen riesigen Aktionsradius: Ein typischer Healthworker fährt etwa 1000 Kilometer pro Monat und versorgt so bis zu 20.000 Menschen. „Damit erreichen wir in der Praxis 11 Millionen Menschen, die sonst hilflos auf sich selbst gestellt wären“, rechnet die Riders-Chefin vor. „Das klappt deshalb, weil wir uns auf unsere Kernkompetenz beschränken, nämlich die effektive Transport-Logistik. Die medizinische Versorgung, das machen die Behörden und unsere Partner vor Ort.“

Den Wert dieser Arbeitsteilung haben inzwischen auch Regierungen erkannt. In Gambia etwa lässt das Gesundheitsministerium den gesamten Fahrzeugpark durch Riders warten. Auch dort sprechen die Fakten eine deutliche Sprache: Die Zahl der vollständig geimpften Kleinkinder ist in den westafrikanischen Land von rund 60 auf über 75 Prozent gestiegen. In Zimbabwe sind in dem von Riders-Fahrern betreuten Binga-Distrikt die Malaria-Fälle um ein Viertel gefallen – in einem unversorgten Nachbardistrikt wurde im gleichen Zeitraum ein Anstieg von 44 Prozent verzeichnet.

Seit letztem Jahr ist Riders auch in Lesotho aktiv, in Kooperation mit der Elton-John-Stiftung gegen AIDS. Der englische Sänger ist nicht der einzige Partner; neben namhaften Stiftungen wie denen von Bill Gates und Bill Clinton sind vor allem auch die alten Rennsportkontakte wichtig.

Rennställe wie der von Ducati und MotoGP-Größen wie Valentino Rossi und Marco Melandri machen sich für Riders stark und spenden Helme und Leder für die traditionelle Versteigerung beim britischen Days of Champions.

Auch Ewan McGregor trug bei seinem epischen „Long Way Round“-Trip um die Welt einen weit sichtbaren Arm-Aufnäher – den von Riders for Health. „Ewan sagte, unser Aufnäher erinnere ihn bei allem dem Spaß, den sie unterwegs hätten, immmer daran, wie sinnvoll ein richtig eingesetztes Motorrad sein kann“, sagt sich Andrea Coleman und lächelt verschmitzt hinter ihren Brille. „Er sei super stolz, für Riders zu fahren.“

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