15 November 2011

EICMA-Rückblick: Das Beste aus zwei auseinanderdriftenden Welten

Der Blick zurück auf die EICMA ist in diesem Jahr wie ein Besuch im Uni-Seminar "Erdgeschichte". Denn die Welt richtet sich neu, die Superkontinente wie Gondwanaland haben sich gelöst und driftet auseinander in verschiedene Richtungen.

Denn Herzblut und Wagemut haben in Mailand nur die europäischen Hersteller bewiesen. Die Japaner versuchen, mit Vernunftmotorrädern zumindest die Stellung zu halten und verlorenen Boden wieder gut zu machen.

Rote Teppiche, rotierende Scheinwerfer, riesige Lautsprecher; rein vom Ambiente hat sich die Mailänder Motorradshow Eicma 2011 nicht von den Messen der Vorjahre unterschieden. Endlose Besucherströme mäanderten ziellos durch überfüllte Gänge, umlagerten gewienerte Motorräder und fotografierten lächelnde Hostessen auf Drehtellern.
Doch der Blick auf die neuen Modelle, auf die Details und hinter die Kulissen ergibt ein anderes Bild: Das Motorradgeschäft hat sich zwar von den massiven Krisenjahren erholt. Doch die Teilung der Branche in zwei Paralleluniversen hat sich manifestiert.
Während die technisch lange führenden Japaner sich nach dem massiven Rückgang der Verkaufszahlen und dem Abstieg in die Zweitklassigkeit an Schadensbegrenzung versuchen, spielen die Europäer wie BMW und Triumph und die italienischen Hersteller inzwischen in einer eigenen Spaß-Liga und Gefühlwelt.
Beispiel Ducati: Mit dem Superbike 1199 Panigale hat der Kleinhersteller, der von rund 45.000 verkauften Maschinen pro Jahr leben muss, ein technisches Meisterstück aufgelegt. 195 PS aus einem Zweizylindermotor und radikales Design, das wäre für sich genommen schon ein Paukenschlag und ein Kaufgrund, trotz des absurden Kaufpreises von 19.490 Euro für die Grundversion. Doch der entscheidende Punkt sind die überbordenden Emotionen, die der rote Supersportler beim Betrachter zwangsläufig auslöst: Über kein Neumotorrad wird in den nächsten Monaten soviel heiß diskutiert werden.
Italien: erhöhte Pulsfrequenz
Ähnlich starke Gefühle wecken die Aprilia Dorsoduro 1200 und die Brutale 675 von MV Agusta. Die Dorsoduro ist 2012 nicht neu, sondern nur mit neuen Farben versehen, aber mit dem Supermoto-Fahrwerk und dem krankhaften Schub aus 125 PS ist sie die Quintessenz sinnfreier italienischer Motorradkunst: ein Fahrzeug für extremistische Liebhaber. So etwas will man einfach haben.
Das gleiche gilt für MV Agusta. Mit dem wunderschönen Dreizylinder und einem Preis unterhalb der magischen Grenze von 10.000 Euro hat die Edelmarke aus Varese mit der Brutale 675 endlich ein Motorrad im Angebot, das sowohl mit Exklusivität als auch Bezahlbarkeit um die Käufer buhlen kann.
Das werden die Platzhirsche bei den Naked Bikes wie Triumph mit der Street Triple spüren, doch die Briten schielen mit der Präsentation der Tiger Explorer bereits in lukrative neue Gefilde: Der seidenweiche 1200-Kubik-Dreizylinder, ausgelegt als große Reiseenduro, bietet eine Einarmschwinge und Kardan-Antrieb wie die große BMW GS. Doch die Große Tiger kommt mit einem serienmäßig vollen Elektronikpaket und bei 137 PS mit einer höheren Leistung als der bayrische Klassen-Primus – das wird ein interessanter Kampf um das Klientel, vor allem weil Triumph seiner rigiden Preispolitik – immer einen Tick billiger - treu bleibt.
BMW: Mut zur Zukunft
Die Vorstellung von Rollern ist per se kein Sensation auf einer Motorrad-Show. Doch wenn BMW seinen Messestand dem Thema widmet, setzt das ein Zeichen für zielgerichtete Innovation: Die neuen, gefälligen Maxi-Roller C 600 Sport und C 650 GT mit jeweils 60 PS bedeuten für die Münchener den Einsteig in ein völlig neues Marktsegment, das vor allem in Südeuropa stark ist. BMW hofft nach der Investition eines „höheren zweistelligen Millionenbetrags“ ab Frühjahr 2012 auf über 10.000 verkaufte Exemplare pro Jahr; Zielgruppe in Deutschland sollen Berufspendler werden, argumentiert wird mit „neuen Konzepten für Urban Mobility“.
Auf ebenso unbekanntes, aber spannendes Terrain begibt sich BMW auch mit der italienischen Tochter Husqvarna. Neben den ersten Straßenmotorrädern des Sportspezialisten, der Nuda 900 900 R, wurden in Mailand eine Elektro-Studie für eine kleine Geländemaschine und überraschend die „Moab“ gezeigt. Die Moab illustriert bestens, wo Husqvarna mit dem technischen Hinterland aus München noch hin will: feinstes Retro-Design im Stil der siebziger Jahre, Anleihen an die Steve McQueen-Historie, bewährte Bauteile aus dem BMW-Arsenal wie dem G 650-Motor. Da geht noch Einiges.
Japan: Avancen an die neue Mitte Wer immer auch vor vier oder fünf Jahren zur Eicma pilgerte – der Weg führte zunächst zu den Ständen der japanischen Hersteller. Dort spielte die Musik. Die Zeiten sind vorbei. Von Suzuki und Yamaha gibt es außer Roller-Updates und den Trostpreisen für sorgsame Modellpflege nichts Nennenswertes zu berichten; lediglich Kawasaki – mit der Versys 1000, einem Zwitter aus Tourer und Enduro - und vor allem Honda haben bewiesen, dass Japan die Entwicklungsarbeit nicht völlig aufgegeben hat.
Honda macht sich dabei um eine Zielgruppe verdient, die von den meisten Europäern – mit Ausnahme von KTM mit der 200er Duke mit 26 PS – sträflich vernachlässigt wird: den Motorrad-Einsteigern.
Für die Newcomer, die ein alltagstaugliches, unkompliziertes und preisgünstiges Fahrzeug passend zu den neuen Führerscheinklassen suchen, hat Honda die NC 700-Linie in Mailand gezeigt. Die Mittelklassebaureihe fürs Frühjahr 2012 ist mit den Modellen NC 700 S (als Naked Bike), NC 700 X (mit kleiner Verkleidung) und dem Roller Integra bestückt; in allen Modelle sind mit dem neu entwickelte Reihenzweizylinder mit 670 Kubik und 48 PS ausgerüstet. Er soll nur 3,7 Liter auf hundert Kilometern verbrauchen.
Weitere Pluspunkte: Sowohl die 700 S als auch die 700 X sind gegen Aufpreis mit einem automatischen Doppelkupplungs-getriebe zu haben – und als Standardausführung mit Sechsgangschaltgetriebe soll die 700 S weiter unter 5.900 Euro kosten. Mit diesem Preis für ein vollwertiges Motorrad macht man sich hoffentlich neue Freunde.

Posted via email from moto1203 - daily roadkill

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