09 Juni 2008

e-max-Scooter: Rollendes Sparschwein

Klimawandel, hohe Spritpreise – von den großen Motorradhersteller kommen keine Antworten. Die kleine bayrische Firma e-max präsentiert jetzt einen Elektroroller auf dem deutschen Markt. moto1203 fuhr den Scooter mit eingebautem Sparmodus exklusiv für SPIEGEL Online.

Wer hätte das gedacht, dass Stop-and-Go richtig Laune machen kann. Ran an die Ampel, Handbremse betätigt, und plötzlich ist sie da: die e-max-Stille. Kein nervöses Knattern. Wo sich bei einem normalen 50-ccm-Roller der Verbrennungsmotor verbirgt, ist beim neuen e-max 90s eine Silicon-Batterie untergebracht. Sie gibt ihre Kraft an den fast lautlosen Elektromotor ab. Kein Scheppern dringt aus der Verkleidung. Man hört plötzlich wieder Amseln zwitschern und technisch beschlagene Fußgänger nicken wohlmeinend herüber. Seit ich mit dem Elektroroller unterwegs bin, wird das Pendeln in die Hamburger Innenstadt zum Wohlfühl-Erlebnis.

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Der neue 90s sei auf dem deutschen Markt schlichtweg einzigartig - so stellt ihn Thomas Grübel, der Chef von e-max, vor: ein Roller, durch den E-Motor absolut abgasfrei, aber mit einer Spitzenleistung von 3,85 kW vergleichbar mit jedem handelsüblichen 50-ccm-Flitzer. Und als Clou, passend zur aktuellen Spritpreis-Explosion: unschlagbar billig. „Sie können an jeder Steckdose, an der Sie vorbei kommen, nachladen“, hatte Göbel gesagt, „und das zu einem Preis, den kein anderer Roller schlagen kann. Ungefähr 3 Kilowattstunden, umgerechnet also etwa 55 Cent, verbraucht der e-max pro Hundert Kilometer.“ Das hört sich gut an: Ein konventioneller Scooter verbraucht auf der gleichen Distanz bis zu drei Liter Mischung, die derzeit mit rund 4,50 Euro zu Buche schlagen.

Also los. Das Ladegerät wird in einer geräumigen Luke unter der Sitzbank verstaut. Auf den ersten Blick unterscheidet sich der 90s kaum von seiner Zweitakter-Verwandtschaft: schnelles italienisches Design wie bei einer eleganten Vespa, schnittige Trittbretter und eine voluminöse Sitzbank für Zwei auf den üblichen 13-Zoll-Räder. Der Tacho ist übersichtlich und zeigt auch die Restladung und die maximale Reichweite an.

Erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man an der bayrischen Elektro-Novität technische Feinheiten wie zwei Scheibenbremsen und die freiliegende Einarmschwinge. Sie wird durch keinen Auspuff verdeckt und führt das Hinterrad, in dessen Nabe der 4000 W-Elektromotor surrt. Er treibt den Roller direkt an, ohne Getriebe und ohne oder die üblichen Verschleißteile wie Keilriemen oder Kette. Kupplung und Schaltung sucht man ebenfalls vergeblich, deshalb ist der Betrieb auch ohne Motorradführerschein kinderleicht: Aufsteigen, Schlüssel rein, am Gasgriff drehen und auf geht’s.

Der e-max schnurrt wie ein Kätzchen, zügig und flott zieht er davon; wer mag, kann den roten „Boost“-Schalter neben dem Gasgriff drücken und extra Leistung zuschalten. Die Tücken der Stadtfahrt macht der e-max klaglos mit: Die Gabel schluckt das Kopfsteinpflaster; die beiden Bremsen geben keinen Anlass zur Klage. Auch zu Zweit kariolt es sich munter auf dem e-max. Leider hält der Fahrspaß nicht lange vor: Die maximale Reichweite liegt bei rund 50 Kilometer. Beim Schwestermodell, dem bis auf die Batterie baugleichen 110s, ist nach 75 Kilometern Schluss. Doch ist das tatsächlich ein gravierender Nachteil?

Jein. Die durchschnittliche Laufleistung von 50-ccm-Rollern liegt in Deutschland bei etwa 4000 Kilometer pro Jahr. Und Fernfahrten sind die absolute Ausnahme. „Wir bauen keine Langstreckenfahrzeuge,“ sagt Grübel, „sondern eine kluge Alternative für überfüllte Innenstädte und Büro-Pendler.“ Und die fahren in der Regel pro Arbeitstag kaum mehr als dreißig Kilometer, kommen abends nach Hause – und hängen den Roller für mindestens 3 bis 4 Stunden ans Netz.

Erprobt ist das Konzept ohnehin: In China, wo der e-max nahe Shanghai in einer eigenen Fabrik gefertigt wird, wurden allein im Jahr 2006 rund 23 Millionen Stromer produziert; in einigen versmogten Großstädten sind Verbrennungsmotoren bereits gebannt. Der Trend reicht bereits bis nach Südtirol: In Bozen haben E-Roller eine Sonderzulassung für die verkehrsfreie Quartier im Zentrum.

Thomas Grübel und seine Partner von System Auto Parts SAP, die den 90s und den 110s ab Mitte Juni zunächst über 120 Partner des Kymco-Händlernetzes bundesweit vertreiben, quittieren den Durchmarsch des Elektroantriebs mit einer gewissen Genugtuung. Als Grübel vor sieben Jahren angefangen hat, den e-max zu planen, wurde er mitunter belächelt. Doch der Bayer war und ist felsenfest davon überzeugt, dass Elektrorollern in der Zukunft des individuellen Nahverkehrs eine wichtige Rolle spielen werden. Ein erster Kooperationsvertrag mit Honda für den japanischen Markt ist vereinbart.

Und die Kritiker, die darauf verweisen, dass Strom ja per se nicht völlig emissionslos gewonnen werden kann oder gar aus einem AKW stammt? Denen kommt er inzwischen schlitzohrig mit einem Hinweis auf der Roller-Website entgegen: „Viele Stromanbieter haben spezielle Ökostrom-Pakete im Angebot. So haben Sie die Möglichkeit, die Energie aus Wind, Wasser oder Sonne in Ihren e-max zu packen.“

Nach einer Woche Fahrbetrieb bin auch ich vom e-max überzeugt, sogar begeistert. Mit einem E-Roller im Verbund mit S- und U-Bahn bin ich in einer Großstadt wie Hamburg rundum mobil, spare Geld im Vergleich zum konventionellen Motoroller und kann mir ein Öko-Label auf den Helm kleben. Doch uneingeschränkt zum Kauf empfehlen kann man ihn dennoch nicht: Der e-max ist zu langsam und damit gefährlich.

Doch dieser Vorwurf gilt gleichwohl nicht nur für ihn, sondern für alle Fahrzeuge seiner Klasse, die steuerfrei und mit dem kleinen Versicherungskennzeichen gefahren werden dürfen. Sie sind durch die gesetzlich vorgeschriebene Drosselung auf maximal 45 Kilometer pro Stunde rollende Verkehrshindernisse. Statt mit fünfzig oder sechzig locker im fließenden Verkehr mit zu schwimmen, wurde von hinten gedrängelt, von der Seite schräg angeschaut, und von vorne geschnitten. Der Bleifuß, er kennt kein Erbarmen.

Nur im Stop-Modus, direkt an der Ampel, da ist es dann wieder da: das e-max-Gefühl. Das Gefühl, das in der Stille ruht.

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