28 Januar 2006

Ratespiel: Am Oberlauf des Kongo

Er liebte die See, obwohl er das Licht der Welt weitab jeglicher Küste erblickte - in einem Ort in einem Land, das zu seiner Geburt im 19. Jahrhundert unter russischer Verwaltung stand und heute zu einer politischen Renaissance der Farbe Orange geführt hat.

traveller wuchs, nachdem beide Eltern an Tuberkulose gestorben waren, bei einem Onkel auf. Der schlug ihm eine feste Anstellung als Magistratsschreiberanwärter vor, doch traveller reiste mit 17 Jahren nach Marseille und heuerte dort an Bord eines französischen Handelsschiffes mit Destination "West-Indien" an.

Die nächsten 20 Jahre fuhr er zur See: An Bord von Frachtseglern, Opiumklippern und Schmuggelbarken lernte traveller die sieben Meere kennen, geriet in politische Ränkespiele und überlebte nur knapp eine Schusswunde in der Brust. In Asien segelte er den Mahakam hinauf, ging lange Zeit von Bord und versuchte sich als Pflanzer. Doch seine Liebe zur offenen See ließ ihn an Land nicht ruhen - er trat Passagen nach Australien, in den Pazifik, nach Südamerika und Afrika an. 1890 folgte traveller dem Kongo bis zum Oberlauf.

In all den Jahren, in denen er sich durchs Leben und die Häfen treiben ließ, hatte er angefangen zu schreiben und dabei eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe geschärft, die er später in unzähligen Kurzgeschichten und in Romanen unter Beweis stellte. Er schrieb: "Mit der Macht des geschriebenen Wortes möchte ich dich hören und fühlen machen. Doch vor allem sollst du sehen."

Im Alter von 36 Jahren heuerte traveller ab, um Schriftsteller zu werden. Er schrieb auf Englisch, obwohl seine zweite Sprache nach seiner Muttersprache Französisch war. Er heiratete und ließ sich in Südengland in der Grafschaft Kent nieder.

Bereits eines der ersten seiner gut zwei Dutzend Werke machte ihn berühmt: Der Roman aus dem Jahr 1899 verarbeitete literarisch Erinnerungen von travellers Fahrt den Kongo hoch; das Buch inspirierte Francis Ford Coppola später zu einem Film, in dem ein Hauptdarsteller aus "Easy Rider" einen Fotografen spielt.

traveller starb 1924 an einem Herzinfarkt und liegt in Canterbury begraben. Die Stadt Danzig hat ihm zu Ehren ein Denkmal errichtet.

Wer war da unterwegs?

Viel Spaß bei Googlen - UND: Bis Ende März 2006 können Sie zum Beispiel eine Digitalkamera, zwei Flugtickets und ggf. ein Auto gewinnen, wenn Sie bei meinem Rätsel beim ADAC traveller mitmachen.

© Jochen Vorfelder

25 Januar 2006

Carbon-Bucky - die Vision vom Leichtbau

Januar und Wochenende in Hamburg - da kommen zwei Dinge zusammen: draußen die Kälte und dann etwas Zeit, um über die kommende Motorradsaison nachzudenken. Angespornt werden die Gedanken vom kommenden Event in den Messehallen, wo Mensch und Maschine schön auf einem Haufen und im Warmtrocknen zusammenkommen: die Hamburger Motorradtage.

Ich verzichte dankend auf einen Besuch und habe mir für die Tage ein anderes Thema vorgenommen: Carbon. Denn wer sich mal auf dem Zubehör- und Veredlermarkt umschaut, findet kaum noch eine Krad ohne die federleichten und gleichzeitig stabilen Kunsstoffteile.

Siehe z.B. die 2006er Multistrada 1000S DS, die schon serienmäßig mit vorderem Schutzblech und diversen Abdeckungen in Carbon daher kommt. Wer dann den hochnot-offiziellen Ducati-Zubehör-Katalog studiert oder auf dem Netz nach den semi-professionellen Anbietern und laminierenden Heimwerkern googlet, wird mit Carbon-Teilen geradewegs zugeschüttet.

Das hat zumindest zwei Gründe: Wenn's um tatsächliche und maximale Gewichtsersparnis geht - also bei der üblichen Straßenmaschine, die von Garage ins Büro und STVO-gerecht durchs Wochenende bewegt wird - wirken die Kohlenstoffmoleküle wahre Wunder. Zweitens könnte man natürlich darüber spekulieren, daß die gehypten Teile derzeit ein absolutes Muss sind und jeden überzogenen Preis rechtfertigen. Das verkauft man gerne.

Viele Leute finden das Thema allerdings ziemlich langweilig - eh, sind doch nur angeschraubte Plastikteile. Ich allerdings glaube, daß das komplette Carbon-Bike (Tank, Rahmen, Felgen) nicht mehr lange auf sich warten läßt, weil Carbon bauliche Möglichkeiten bietet, die noch lange nicht ausgeschöpft sind. Nix mit Nano-Jahrzehnt, Carbon ist angesagt. Das findet übrigens auch ein Autor, der aus einer ganz anderen Richtung kommt: Bruce Sterling, der regelmäßig eine Kolumne im Kultmagazin WIRED füllt, und sich seit vielen Jahren mit Carbon beschäftigt.

Also aber sofort in unregelmäßiger Folge: mehr zu Carbon, dem Baustoff der Zukunft. Dann klären wir auch die Frage, was der High-Tech-Baustoff mit dem begnadeten Visionär R. Buckminster Fuller und seinem Dreirad für acht Personen zu tun hat.

© Jochen Vorfelder

10 Januar 2006

Marlon Brando: Mehr Methode als man denkt

Beim Stöbern in alten Motorrad-Videos ist mir wieder einmal "Der Wilde" mit Marlon Brando untergekommen. Brando spielt Johnny, den Anführer einer Motorradgang, die in eine kleine, verschlafene Stadt in Kalifornien einfällt.

Die Biker sind auf Krawall gebürstet, während Johnny dem Charme Kathies erliegt, deren Vater der Ortspolizist ist. Der Streifen kulminiert in einem Feuerwerk aus Vorurteilen, Feindseligkeit und Gewalt.

Unbedingt sehenswert, aber ein seltsamer Film - heute jedenfalls. Schwarz-weiss, altfränkische Kamaraführung, hölzerne Figuren. Doch 1953, als "The Wild Ones" unter dem Originaltitel "Hot Blood" in die Kinos kam, war er eine Sensation, weil er als erstes Hollywood-Werk die Gewalt unter Motorradgangs in den USA thematisierte.

Für Marlon Brando war die Rolle des "Johnny" der Beginn eines langen Weges, den er mit oft kranken Charakteren gegangen ist - vom Don Corleone im "Paten" bis hin zum psychotischen Colonel Walter E. Kurtz in "Apocalyse now". Kurtz soll von Captain Willard getötet werden. Aber warum?

Kurtz: "Did they say why, Willard? Why they wanted to terminate my command? Did they tell you?"
Willard: "They told me you had gone totally insane and, uh, that your methods were unsound."
Kurtz: "Are my methods unsound?"
Willard: "I don't see ... any method ... at all."

So kennt man ihn - den verrückten, verschrobenen Alten.

Zeit also, etwas daran zu ändern. Denn Brando hatte ein zweites Leben - nicht nur als Motorradfahrer (er besaß in den Fünfziger Jahren eine britische 500 cc Machless, siehe Bild) - sondern vor allem als politischer Aktivist.

Eine kurze Google-Runde: Im Jahr 1959 gründete er in Hollywood zusammen mit dem schwarzen Sänger Harry Belafonte eine lokale Gruppe von SANE, der frühen amerikanischen Bewegung gegen Atomwaffen. Dann in den frühen sechziger Jahren war Brando Aktivist in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und enger Freund von Martin Luther King. 1963 begann er, sich für die Rechte der Native Indians und ihrer Bewegung AIM stark zu machen.

Ende der Sechziger Jahre unterstützte Brando die maoistischen Black Panthers mit einem "sechstelligen Dollarbetrag", so jedenfalls Bobby Seale, einer der Gründer der radikalen Partei.

Das Foto zeigt Marlon Brando bei der Beerdigung von Little Bobby Hutton. Hutton, mit 16 Jahren einer der sechs Gründer der Panthers, hatte sich im April 1968 nach einer fast zweistündigen Schiesserei der Polizei gestellt, war aber auf offener Straße und in Unterwäsche mit einem Schuß getötet worden. Warum?

Kurtz: "Are my methods unsound?"
Willard: "I don't see ... any method ... at all."

© Jochen Vorfelder

30 Dezember 2005

Chernobyl: Motorradtrip in die Todeszone

"Good Girls go to heaven. Bad ones go to hell. And girls on fast bikes go anywhere they want."

Neid. Die Welt der Motorrad-Blogs ist erfüllt mit Stories von gloriösen weihnachtlichen Aus- und nachweihnachtlichen Fernfahrten. Beispiele gefällig? Worldrider ist derzeit in Kolumbien unterwegs. Und Dylan von Twisting Asphalt beschreibt in aller gemeinen Ausführlichkeit, wie er mit seiner Ducati 999 durch das warme Südkalifornien brezelt.

Hier in Hamburg sind die Straßen vereist; Zeit für Schnupfen, dicke Nasen und ausführliches Surfen.

Dabei bin ich auf die Website von Elena Filatova gestoßen, die ihre Motorradausflüge auf einer alten Kawasaki Ninja ZX-11 wie viel andere in Bild und Text im Netz dokumentiert. Das Besondere dabei: Filatowa wohnt in der Ukraine und eines ihrer Reviere für ausführliche Touren ist die gottverlassene Todeszone um den havarierten Atomreaktor Chernobyl.

Die Bilder und Notizen von Filatowas Motorradtrips nach Chernobyl sind so ziemlich das Eindrücklichste, was ich in der letzten Zeit auf dem Netz gefunden habe.

Nun gibt es ausführliche Debatten darüber, ob die Trips ein Hoax sind oder echt, weil Filatowa nicht allein unterwegs war. Mich interessiert das weniger. Fakt ist: Sie war in einem toten Land.

Vielleicht sollte man den Link mal ZEITgenossen wie dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulf schicken, der in den letzten Wochen aus statistischem Kalkül ("Immer sicherer.") und Kostengründen ("Öl wird viel zu teuer und wir müssen konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt bleiben.") die Rückbesinnung auf die Atomkraft und den Neubau von Reaktoren eingefordert hat.

© Jochen Vorfelder

26 Dezember 2005

Ducati: To cruise or not to cruise?

Kürzlich traf ich einen bekannten Designer und Hochschullehrer, der auf hohem Niveau klagte: Schrecklich wäre der aktuelle Sparkurs an seiner Fakultät.

Die Nachwuchs-Designer seien praktisch gezwungen, außerhalb der Hochschule zu arbeiten, weil dort für Computer, Arbeitsplätze und Software-Updates kein Geld mehr vorhanden sei. Seine Kernthese: Der Standort Deutschland vermassle sich systematisch seine kreative Zukunft.

Das ist ja heutzutage nichts Neues, fiel mir aber wieder ein, als ich durch den Blog "Metacool, thoughts on the art & science of bringing cool stuff to life" von Diego Rodriguez stöberte. Rodriguez ist ebenfalls Designer und Hochschullehrer, aber nicht in Nordrhein-Westfalen wie der oben erwähnte Kollege, sondern am Hasso Plattner Institute of Design (aka "the d.school").

Diese Hochschule im kalifornischen Stanford ist nicht nur ziemlich brandneu, sondern auch auf's Beste ausgestattet - erstaunlicherweise mit mehreren Millionen US-Dollar von erwähntem Hasso Plattner. Da taucht doch die erste Frage auf: Warum sponsort der deutscher SAP-Mitbegründer und Milliardär Plattner die US-amerikanische Hochschule, während die Gestalter-Schmiede in Essen quasi verkommt?

Da wir diese Frage auch nach längerem Nachdenken nicht beantworten können, widmen wir uns doch einer anderen: Sind die deutschen Profs weniger kreativ als ihre amerikanischen Spezis wie z.B. Rodriguez?

Rodriguez jedenfalls hat derzeit in Stanford einen Design-Kurs laufen, der sich u. a. mit der der Frage beschäftigt, ob eine Erweiterung der Ducati-Modellpalette in Richtung fette Cruiser das über mehrere Jahrzehnte mühsam erworbene Markenimage als Heiliger Kral der Supersportler verwässert oder gar zerstört.

Eine spannende Frage - doch was den Rodriguez-Kurs wirklich aussergewöhnlich machte, war die Beteiligung von Ducati: Nicht nur, daß deren Nordamerika-Chef Michael Lock persönlich für Fragen und Antworten bereitstand. Ducati lieferte auch mit Monstern, 999ern und Multistadas rotes Anschauungsmaterial direkt in den Hörsaal. So etwas würde ich gerne mal in Deutschland sehen und hören: "And the roar of those Desmos wasn't half bad, either!" sagt Rodriguez.



Universitäten sind keine Gebäude, sondern Ideen und Initiatoren. Und Marken sind nicht Marken, sondern Personen, die Produkte zu Marken machen. Das funktioniert in Stanford wie in Bologna. Auch dort - bei Ducati - gibt's die Person, die jene Design-Ikonen namens 900SS, 900 MHE, 999 and Multistrada schuf: Pierre Terblanche, geboren 1956 in Südafrika, arbeitete zunächst als Kontakter für die Werber Young & Rubicam in Kapstadt, bevor er seine Liebe zum Motorraddesign entdeckte.

Inzwischen ist der Mann, der die strauchelnde Marke Ducati wieder auf die Erfolgsspur geführt hat, eine lebende Legende. Seine Multistrada, die seit 2003 auf dem Markt ist, ist die Ducati-Baureihe, die sich nach Marktgerüchten neben der Monster am besten verkauft.

Sollte Terblanche nun auf's Altenteil abgeschoben werden - was manche Auguren in diesem Jahr vermuteten - bliebe der Grund dafür die letzte unbeantwortete Frage in diesem heutigen Posting und schlichtweg ein Rätsel.

Vor allem, nachdem Ducati die supercoole Augenweide, die aus Terblanches Multistrada-Linienführung abgeleitet wurde, kürzlich erfolgreich auf der EICMA in Mailand vorgestellt hat: die Hypermotard.

Nachtrag vom 4. Januar 2006:
Ducati hat offiziell bestätigt, daß die Hypermotard nicht nur eine Studie bleibt, sondern tatsächlich in Serie geht.

Das war die gute Nachricht. Die schlechte: Schnell war Ducati noch nie. Aber so langsam schon lange nicht mehr. Es soll bis Ende 2007 / Anfang 2008 (!) dauern, bis die ersten Exemplare in den Verkauf rollen.

Bis dahin haben andere Hersteller das Konzept schon längst abgekupfert - wenn nicht sogar verbessert.

© Jochen Vorfelder

15 Dezember 2005

Steve McQueen II: The Kind Racer

Auch schon wieder ein paar Tage her - seit Steve McQueens Todestag am 7. November dieses Jahres und meinem Blog "Der erste King of Cool starb vor 25 Jahren".

Aber Geschichten über ihn poppen überall noch im Netz auf - speziell auf Sites von Autoren, die sich dem Themen Autos und Motorrädern widmet. Ein nettes Beispiel ist z.B. "40on2", aka "40 years on two wheels" von Doug Klassen aus Arizona. Klassen bloggt: "I've been riding a long time now and have accumulated a lot of stories, most of them true. It seemed like I should start writing them down." Netter Grund. Und hier seine Schilderung, wie er McQueen beim Elsinore Grand Prix 1963 getroffen hat.

Was gibt es sonst noch zu Empfehlen? Ja, eine Ausstellung. Wer es in den nächsten vier Monaten nach Los Angeles schafft, kann sich im Petersen Automotive Museum die zwanzig Exponate (12 Autos und 8 Motoräder) von "Steve McQueen - the Legend and the Cars" anschauen. Viel Vergnügen und bitte Fotos schicken!

© Jochen Vorfelder

14 Dezember 2005

Charles Bukowski: Mittagessen auf Hoher See

Gestern abend waren ich in "Factotum", dem Film über das Leben von Henry "Hank" Chinaski, dem Alter ego des amerikanischen Schriftstellers Charles Bukowski.

Sehr zu empfehlen; ein grandioser Streifen - er ist ein genauso abstruses Zeitdokument wie das beiliegende Foto (Vergrößerung mit Klick), das mir gleichwohl gestern ein guter Freund aus Port Harcourt zuschickte. Der Mann verdient dort sein Geld mit gewissen Offshore-Aktivitäten, die er derzeit wegen der Feindseeligkeit einiger Einheimischer nur unter permanentem Militärschutz ausüben kann, und die im engen Zusammenhang mit dem rotchinesischen Streben nach möglichst billigem Erdölerwerb stehen - aber das ist eine ganz anderes Kapitel im großen Buch über die Globalisierung, das wir hier nicht weiter vertiefen wollen.

Port Harcourt, um darauf zurückzukommen, Port Harcourt jedenfalls liegt nicht gerade um die Ecke, sondern am bitterbitterbösen Ende von Nigeria, und Charles Bukowski hat sich, obwohl er viele extrem dunkle und gewalttätige Ecken dieser Welt gesehen hat, wohlweislich dort nicht hingetraut.

Dennoch liegt die Überlegung nah, daß die Port Harcourtsche Art der Containerverschiffung den Gossen- und Fäkalpoeten zu seinem ebenso wie der Film grandiosen Spätwerk "The Captain Is Out to Lunch and the Sailors Have Taken over the Ship" inspiriert haben könnte. Denn wie das Bild erzählt das Buch von einem skurilen Alltag mit burlesken Ereignissen, bei denen die ewigen Looser doch das eine oder andere zu Lachen haben - zumindest wenn mein Bekannter beim Mittagessen ist.

"We´re all going to die, all of us, what a circus! That alone should make us love each other but it doesn´t. We are terrorized and flattened by trivialities, we are eaten up by nothing." - The Captain is Out to Lunch and the Sailors have taken over the Ship, 1998

© Jochen Vorfelder

12 Dezember 2005

Ratespiel: Tod eines reisenden Künstlers

Zwei Internierungen haben eine entscheidende - und letztlich tödliche - Rolle im Leben unseres travellers gespielt.

Die erste: Kurz vor seinem 20. Geburtstag wird der Sohn eines deutschen Konsuls wegen aufrührerischer Umtriebe von der zaristischen Geheimpolizei in ein Lager östlich von Moskau gesteckt. Erst im Oktober 1918 kann er aus Russland nach Berlin fliehen.

Während seines Kunst- und Musikstudiums in Berlin und Dresden lernt er neben Otto Dix und Oskar Kokoschka auch einen ehemaligen Schüler des Dramaturgen Max Reinhardt kennen, der auf dem besten Weg ist, einer der bekanntesten deutschen Stummfilmregisseure zu werden.

Die unglückliche Liebesbeziehung zu diesem Regisseur ist einer der Gründe, warum traveller Deutschland den Rücken kehrt und nie wieder zurückkommt: Im August 1923 schifft er sich nach Batavia ein und lebt dort als Barpianist und musikalischer Begleiter von Stummfilmen, bevor er vom weltlichen Oberhaupt von Jogjakarta zum Leiter des Hoforchesters berufen wird.

Nach ausgedehnten Reisen durch Holländisch-Ostindien lässt sich traveller 1927 als Maler auf der einzig buddhistisch geprägten Insel des Archipels nieder: Hier hat er die exzentrische und extrovertierte Schwulenszene des Weimarer Berlins endlich hinter sich gelassen und ist bei sich selbst angekommen.

Er entwickelt mit einheimischen Malern einen komplett neuen Stil, der bis heute das Kunstschaffen vor Ort prägt und ihn zu einem der unsterblichen Helden der heutigen Gay-Community vor Ort macht. Er baut ein Haus in Ca... nahe U... (heute ein Hotel) und verlebt in den 30ern seine glücklichsten Jahre; sein Heim wird ein Treffpunkt für Berühmtheiten wie Charlie Chaplin und Wissenschaftler wie Margaret Mead.

Ende 1938 wird er wegen seines deutschen Passes von der Kolonialverwaltung zunächst unter Hausarrest gestellt und 1942 beim Vorrücken der japanischen Invasionsarmee um zweiten Mal in seinem Leben interniert. Als die Japaner vorrücken, soll traveller mit anderen Internierten per Schiff von Padang nach Sri Lanka verlegt werden. Doch das Frachtschiff kommt nie in Colombo an: Im Januar 1942 sinkt es vor Nias, getroffen und versenkt bei einem japanischen Flugangriff. Die Besatzung verweigerte den Gefangenen den Zugang zu den Rettungsbooten. traveller war einer von 411 Personen, die im Indischen Ozean ertranken.

Wer war da unterwegs?

Viel Spaß bei Googlen - UND: Bis Ende Januar 2006 können Sie zum Beispiel eine Digitalkamera, zwei Flugtickets und ggf. ein Auto gewinnen, wenn Sie bei meinem Rätsel beim ADAC traveller mitmachen.

© Jochen Vorfelder

08 Dezember 2005

Salzburg IV: Ein Leben für den Musikmeister

Der Name Köchel - und das Köchel-Verzeichnis - sind so untrennbar mit dem Namen Mozart verbunden wie Salzburg mit den Mozartkugeln. Was aber hat Jürgen Köchel aus Hamburg damit zu tun?

"Nein", sagt Jürgen Köchel und lacht dabei verschmitzt, "mit dem anderen Köchel, dem Bibliografen Ludwig Ritter von Köchel, bin ich weder verwandt noch verschwägert. Der hat schließlich noch zu Mozarts Zeiten gelebt und mit dem Köchel-Verzeichnis aller Mozart-Werke wirklich Zeitloses geschaffen."

Typisch Jürgen Köchel: Obwohl der 80-jährige Hamburger mit mehr als 5000 Büchern, Noten-Erstdrucken und Musik-Aufnahmen die weltweit bedeutendste private Mozart-Arien-Sammlung besitzt, bleibt er bescheiden und stellt sein Licht unter den Scheffel: "Ach, wissen Sie, ich sammle und arbeite zu Mozart, weil es mich jung hält."

Und sehr aktiv: Der Musikpädagoge, Oratoriensänger und ehemalige Verlagsdirektor im Musikverlag Sikorski ist heute Vorsitzender der Hamburger Mozart-Gesellschaft und bereitet gerade die Ausstellung "Mozart und Hamburg" vor, die pünktlich zum 250. Geburtstag am 27. Januar 2006 in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg eröffnet wird.

Ich habe mit Jürgen Köchel darüber gesprochen, warum er sich ausgerechnet für Mozart so begeistert, was das Geniale an dessen Kompositionen ist und wie es der Meister schafft, noch 250 Jahre nach seinem Tod die Herzen der Hörer zu betören.

Hören Sie rein in das Interview.

© Jochen Vorfelder

05 Dezember 2005

Salzburg III: Das Mozartkugel-Diplom

Mozartkugeln bieten - wie wir seit dem letzten posting wissen - viele Hersteller an. Aber wie funktioniert eigentlich das Mozartkugel-Machen? Die Konditorei Dallmann in St. Gilgen am Wolfgangsee formt und tunkt die kleinen Köstlichkeiten noch per Hand - und Besitzer Franz Mayrhofer bietet in seiner Backstube die dazu passenden Mozartkugel-Seminare an.

Nach 30 Minuten hält man bei Mayrhofer seine "Echte St. Gilgener Mozartkugel" und ein Diplom in der Hand. Klar, dass darauf besonders japanische Touristen stehen. Hier der Film zum Diplom.

04 Dezember 2005

Salzburg II: Gib Dir die Kugel!

Für den Salzburg-Touristen ist die Mozartkugel das ideale Mitbringsel - praktisch, rund, gut. Für den Einheimischen hingegen ist die wohl bekannteste österreichische Confiserie-Spezialität neben der Sachertorte ein seit langem tobender Glaubenskrieg.

Unter welchen Fahnen scharen sich nun die Feinschmecker? Der Platzhirsch ist die Firma Mirabell mit den "Echten Salzburger Mozartkugeln". Die Tochter des Lebensmittelriesen Kraft Foods fertigt maschinell rot-goldene, vollendet runde Kugeln mit dem charakteristischen Kern aus Pistazien-Marzipan, einer dunklen und einer hellen Nougatcreme-Umhüllung sowie dem zartherben Schokoladen-Mantel. Mirabell balgt sich um den großen (Welt-)Markt mit Herstellern wie Lindt und Manner. Die Umsätze sind natürlich Betriebsgeheimnisse, aber Mirabell gibt an, pro Jahr Kugeln "im hohen zweistelligen Millionenbereich" zu produzieren.

Von solchen Mengen können die "blau-silbernen" Konkurrenten nur träumen, doch sie halten die eigenbrödlerische Salzburger Tradition hoch: Alt eingesessene Confiserien wie die Cafe-Konditorei Fürst ("Original Salzburger Mozartkugeln", 1,3 Mio. Exemplare pro Jahr) oder die Konditorei Schatz (hat 1900 den Begriff "Mozartkugel" einführt) lassen die Kugeln noch per Hand formen und tunken. Die Manufakturen schwören auf die "kleinen Geheimnisse" in der Mischung von Nougat und Marzipan.

Alle kleinen Hersteller verpacken ihre Kalorien in silberne Folien und verweigern sich übrigens der perfekten Kugelform: Die Fürst-Praline etwa erkennt der Sachverständige an der Wachtelei-Form; die Schatz-Kugel hat immer einen abgeflachten Fuß.

Echte einheimische Experten erkennen die Kalorienbomben aber an Konsitenz und Geschmack: Bei Mirabell bröckelt es gerne und die helle und dunkle Nougatschichten schmelzen zu einer "nicht ausbalancierten Melange". Dem "Original" von Fürst wird oft ein "hervorragender Zartbitter-Mantel" attestiert.

Einig sind sich die Salzburger Kugel-Tester in den schlechten Noten für Eindringlinge in den Markt: "Echte Mozart-Kugeln" von Reuber aus dem bayrischen Bad Reichenhall sind "geschmacklich indifferent": eine echte "Touri-Kugel" halt, die nach "Kitsch pur!" riecht. Viel Spaß beim Einkaufen und Probieren.

© Jochen Vorfelder

30 November 2005

Salzburg I: Im Zeichen der Mozart-Kugel

Seit heute ist die neue Ausgabe No. 5 des ADAC travellers an den Kiosken - mit dem Schwerpunkt "Kreuzfahrten".

Auch im Heft meine längere Reportage über die Suche nach Wolfgang Amadeus Mozart im Salzburger Land. Den Original-Text kann man hier lesen.

Weiter gibt es zum Thema Mozart eine Dia-Show, die zeigt, wo genau in Salzburg die besten Eindrücke über das Leben des berühmten Tonmeisters zu orten sind.

Warum sich jetzt alle auf Mozart stürzen? Ganz einfach: Ganz Österrreich feiert am 27. Januar 2006 den 250. Geburtstag des wohl bekanntesten Landeskinds. Wohl an also:

Im Zeichen der Mozart-Kugel

Am Fuß der gewaltigen Festung Hohensalzburg, wo die Salzach träge zwischen Mönchsberg und Mirabellgarten mäandert, liegt seine Stadt. Im historischen Quartier mit den wunderbar barocken Patrizierhäusern und Palais, den verwunschenen Wandelgängen und dem gestrengen Dombezirk wurde er geboren. Dort hat er gelebt, dort hat er gewirkt.

Am 27. Januar 1756 erblickte in Salzburg ein Kind das Licht der Welt, das als Wolfgang Amadeus Mozart zum Komponisten aller Komponisten wurde. Es war kein einfaches Leben. Das musikalische Genie verzweifelte an seiner Geburtsstadt; Mozart mußte weg, denn die feinen Herrschaften liebten den Freigeist nicht.

Doch heute, fast 250 Jahre nach der Geburt, ist Mozart den Salzburgern wieder ihr "Wolferl", der Sohn aller Söhne. Vereinahmt und omnipräsent, wird er eifersüchtig verteidigt gegen die Konkurrenz aus Wien. Zum apollonischen Wunderkind verklärt durch den frühen Tod, und als halb-göttliche Instanz aus dem öffentlichen Leben der Provinzmetropole nicht wegzudenken: Goethe war in Weimar; Marco Polo kam aus Venedig. Mozart IST Salzburg.

"Oh, mein Gott, es ist so hinreißend, so bezaubernd. Wir müssen unbedingt so ein Bild haben!" Mary Stairs aus San Diego, Kalifornien, tänzelt um die Staffelei des Landschaftsmalers, der in der Getreidegasse die Fassade von Haus Nummer 9 auf's Tuch wirft. Na ja, mit der Realität hat das Werk wenig zu tun: An Stelle der mitteralterlichen Hofeinfahrt, die der Künstler mit flinker Hand in warmes, verträumtes Abendlicht legt, buhlen Halogenscheinwerfer, Edelstahlvitrinen und Bauchläden um zahlende Kundschaft aus Asien und Übersee. Marys Mann Peter, Rechtsanwalt und auch skeptisch, was die Qualität des Aquarells angeht, lächelt gequält. Seine Miene ersetzt ein kapitulierendes Schulterzucken. Da muss man durch, wenn man Salzburg und ein "Mozart-Package" bucht.

Sicher, es gibt sie, die beschaulichen Winkel: Drüben etwa am anderen Salzach-Ufer, im Park von Schloss Mirabell unter den alten Kastanien, oder auf dem Friedhof St. Sebastian, wo Mozarts Witwe Constanze, sein Vater Leopold und andere Familienmitglieder begraben liegen. Dort unter den alten Arkaden flanieren die wenigen Besucher so andächtig und still, dass man unwillkürlich lauscht, ob an der nahegelegenen Musikhochschule Mozarteum wieder fleißig geübt wird und ein Klavierkonzert zur Erbauung herüberweht. Dann legen sich die unsterblichen Melodien wie Zuckerguss über die verwitterten Familiengruften und verzaubern das Herz.

In der wuseligen Getreidegasse hingegen, da verdichtet sich der Komponisten-Taumel schon vor Beginn des Jubeljahres 2006 in ein akutes Mozart-Fieber: "You have 15 minutes!" Schnatternde Menschentauben werden aus dem Geburtshaus des Meisters direkt ins Multimedia-Wachs-Museum "Next to Mozart" gelotst und verschubt. Mit dem Slogan "Viva! Mozart" läßt sich im "Mozart-Shop", einem riesigen Devotionalien-Bazaar, jeder erdenkliche Kitsch vermarkten. Die Kreditkarten glühen für abstruse Geschmacksverirrungen: gräusliche Bierhumpen, Jogginghose und Baby-Strampler mit Konterfei, Geigen-Imitationen made in Taiwan in fünf Größen, das Zerrbild des jungen Meisters als 1000er-Puzzle, und natürlich das süssliche Eau de Toilette "Amadeus" im bezaubernden Barockflacon.

"Ein Geruchswässerl aus aktuellem Anlass? Ich bitt Sie, mein Herr, das hat keinen Stil", schmäht ein grauhaariger Brillenträger, Typ Kommerzialrat a.D., am Stammtisch. Im Café Tomaselli, einer Institution am Alten Markt, haben sie kein Verständnis für modische Aufgeregtheiten. Hier sitzen seit 1705 die Besserwisser, Spötter und Grantler bei einem Einspänner, lassen sich einen Strudel oder eine Sacher von der Mamsell mit gestärkter Schürze servieren, und erörtern nach Studium der einschlägigen Blätter wahlweise Stadtpolitik oder Weltlage. Hier haben sie ihre Bleibe gefunden, die Vertreter des flatterhaften Geistes und des pathetischen Gestus dieses alpenländischen Fleckens, der mit Abendkleid und Avantgarde wie kaum ein anderer spießig und weltoffen zugleich ist.

Im Tomaselli, inmitten dieser liebenswerten und sinnesfreudigen Salzburger Melange der Schlawiner, hat zu seiner Zeit auch Mozart gesessen - nach Stand der Forschung nun wahrlich auch kein Kind von Traurigkeit. Und während der Klassik-Star in seinem eigenen musikalischen Universum schwebend seine Klangfolgen schuf, ließ er seinen Blick schweifen: rüber zum Residenzplatz am frühbarocken Dom, wo heuer die offenen Viaker für die "Mozart-Tour" stehen, und weiter zum alten Michaeler-Exerzierfeld, das heute seinen Namen trägt, und das schon weiland 1842 mit dem Mozart-Denkmal geschmückt wurde. Schon damals hatte Salzburg den Wert des Komponisten als touristisches Zugpferd erkannt: "Pfeifen, Brot oder Wein, selbst Hotelzimmer - alles wird mit dem edlen (und gewinnbringenden) Etikett 'Mozart' versehen", schrieb ein Chronist.

Auch die "Festspiele", Salzburgs großer Besuchermagnet und schillernde Projektionsfläche für Finanz- und Hochadel, funktionieren seit ihren Anfängen unter Max Reinhardt, Hugo von Hoffmannsthal und Richard Strauss in einträchtiger Symbiose mit dem berühmtesten aller Tonmeister: Im Jahr 1922, als erstmals Opern auf dem Festspiel-Programm stehen, wurden mit Don Giovanni, Der Hochzeit des Figaro, Cosi fan tutte und der Entführung aus dem Serail vier Mozart-Werke gegeben. Zum Jubiläum 2006 rollt der Noch-Intendant Peter Ruzicka den roten Teppich aus für's theatralische Gesamtwerk: Von Juli bis Ende August kommen alle 22 Opern, Singspiele und szenischen Fragmente des Komponisten auf die Bühne. Manche Aufführungen ("La Traviata") und die edleren Etablissements zur Logis der Schönen und Reichen, "... die mit etwas Kultur ihr Dasein behübschen", ätzt "Die Welt", sind jetzt schon ausgebucht.

In Lofer im Pinzgau, ganz im Westen des Salzburger Landes, sind noch viele Betten frei. Na Gott sei Dank. Denn sechs Stunden auf dem Radl macht rechtschaffen müde. Abfahrt in Kufstein, am Walchsee vorbei, dann gegen Süden nach Kirchdorf, über Erpfendorf nach Waidring, und zum Abschluss durch's lauschige Haselbachtal nach Lofer - der Tagesritt auf dem Tourenrad ist eine der Etappen auf dem "Mozart-Radweg". Den haben wir gewählt, um uns abseits des Kulturhochbetriebs tief im Salzburgischen auf Spurensuche zu begeben.

"Nehmen Sie sich die Zeit", hatte Dr. Steckenbauer von der Salzburger-Land Promotion geworben, "das lohnt sich. Und wenn Sie genau hinschauen, finden's den Mozart überall entlang der Strecke. Spuren hat er überall hinterlassen, er war ja schon früh im Leben viel unterwegs." Wie das? "Na ja, meist stellt man sich Mozart als den erwachsenen Komponisten vor. Aber Mozart, das war ja auch das frühreife Wunderkind, das fast seine gesamte Jugend auf Konzertreisen und in Kutschen verbracht hat."

Danke, Dr. Steckenbauer, für Ihre Überzeugungsarbeit; es hat sich gelohnt. Der "Mozart-Radweg" führt über 450 Kilometer durch die traumhaft schöne Landschaft des Salzkammergut und die beschauliche Seelandschaft im Flachgau, macht einen Abstecher nach Bayern, und touchiert auf dem Rückweg nach Salzburg die Ausläufer der Alpen mit ihren Dreitausendern. Und entlang der Route: Erholung pur, ländliche Ruhe nach dem Salzburger Rummel, und tatsächlich die historisch verbürgten Mozart-Punkte.

In Lofer haben sich die Wolken, die uns den ganzen Tag gedroht haben, zu einer Gewitterfront aufgetürmt, und die ersten wüsten Tropfen fallen. Natürlich Gegenwind. Aber wir werden gebührend empfangen: "Radfahrer willkommen!" An allen Pensionen und Gasthäusern entlang der Ortseinfahrt flattern diese Wimpel; an den Biergärten grüßt die Spaß-Variante: "Gaudi-Radler! Ende der Durststrecke!"

Wir entscheiden uns für die Übernachtung im Gasthof "Zur Post" - gerade noch rechtzeitig vor dem Wolkenbruch - und sammeln damit ein weiteres Stück unseres ganz persönlichen Mozart-Puzzles: Auf seiner ersten Italienreise im Dezember 1769 machte der junge Mozart - damals gerade 13 Jahre alt - mit Vater Leopold und Schwester Nannerl in Lofer Halt. Genächtigt wurde in der heutigen "Post" - damals das Wohnhaus des Rechtspflegers Johann Chrysostomus Helmreichen zu Brunfeld.

Vater Mozart beschrieb die Übernachtung in einem Brief an seine Frau: "Um sieben Uhr abend langten wir in Lofer an. Nachdem ich das Essen angeordnet, sind wir den Herrn Pfleger besuchen gegangen, welcher sehr übel mit uns zufrieden war, weil wir nicht gleich bey ihm abstiegen. Weil wir ihm Wirtshaus schon Speisen angefrimt hatten, so ließen wir solche in die Pflege bringen, aßen dort, schwätzten bis 10 Uhr und wurden alda mit einem schönen Zimmer mit gutem Bethe bedient."

Spuren zu einem Gasthof "Zur Post" führen auch in St. Gilgen, dem "Mozart-Dorf" am Wolfgangsee und rund eine Autostunde von Salzburg entfernt. "Seine Mutter wurde hier geboren und seine Schwester in der Pfarrkirche getraut", referiert Franz Mayrhofer, Obmann des lokalen Tourismusverbands, der eine kleine Musikergedenkstätte im ehemaligen Bezirksgericht eingerichtet hat, und jetzt noch pünktlich zum Jubeljahr das Geburtshaus der Mutter restaurieren läßt. "Und ihre Hochzeitgesellschaft abgehalten haben Nannerl und ihr Mann im Gasthof Post. Das war damals 1784." Heute ist der Gasthof "Post" am St. Gilgener Dorfplatz ein architektoni-sches Schmuckstück mit historischer Fassade, hinter der sich noble Designer-Zimmer und geschicktes Nannerl-Marketing verbergen.

Auch schräg gegenüber neben dem Rathaus und dem Mozart-Brunnen in der Konditorei Dallmann macht Besitzer Franz Mayrhofer vor, was man mit dem Namen Mozart alles auf die Beine stellen kann: Er backt und vertreibt weltexklusiv die "Mozart Reisetorte" - angeblich ein altes St. Gilgener Rezept aus Nüssen, Marzipan, Orangade und Marzipan. Die Konditorei wird von japanischen Reisegruppen quasi überrannt, seit sie neuerdings auch Mozartkugel-Seminare anbietet. Dann herrscht unter der Führung von Mayrhofer-San großes Gedränge in der Backstube, aber nach rund 30 Minuten meistert selbst der unbedarfteste Tourist mit zwei linken Händen die Kunst der Herstellung der "Echten St. Gilgener Mozartkugeln". Trotz heftiger Schokospuren auf der Schürze darf jeder Teilnehmer ein Diplom mitnehmen. Mayrhofer: "Die Besucher sollen das Mozartdorf bleibend in Erinnerung behalten." Ja, wenn's dem Mozart-Kult dient.

"Natürlich ist der Mayerhofer damit auf einen fahrenden Zug gesprungen, aber das ist ja völlig legitim, das haben wir ja auch gemacht", sagt Juniorchef Martin Fürst von der Konditorei Fürst in Salzburg. Auch in dem Traditionsunternehmen in der Brodgasse, vis à vis zum Café Tomaselli, sind Name und Bild des Künstlers allgegenwärtig; bei Fürst werden in der fünften Generation die "Original Salzburger Mozartkugeln" hergestellt. Jede der kleinen Kalorienbomben wird auf einem Holzspießchen handgetunkt. Der Gründervater Paul Fürst habe die Schleckerei quasi erfunden, meint der junge Konditor: "Es war einfach eine geniale Marketing-Idee, eine Pistazien-Nougat-Praline unter dem Label 'Mozart' zu vertreiben." In der Tat. Inzwischen werden von einem Dutzend Hersteller weltweit rund 80 Millionen Stück pro Jahr verkauft; Tendenz steigend.

So funktioniert's halt in Salzburg: Den Mozart lieben sie jetzt alle, weil er lange tot und gleichwohl unsterblich ist. Und 250 Jahre nach der Geburt hält Mozart wie zäher Nougat barocke Tradition und kulturelle Moderne vor Ort zusammen und schwebt wie ein guter Geist schützend über der Salzach-Metropole.

Wie ein guter Geist? Nein, eher wie eine Kugel. Das passt schon zu diesem Salzburg und seinen Salzburgern, daß sie ihren Stadtheiligen in Gestalt eines kitschsüssen, mit Edelschokolade überzogenen Pistazienklumpens verehren. Mozart hätte sich gekugelt vor Lachen.

© Jochen Vorfelder

14 November 2005

Langstrecke: Marter für Guiness

Nun hatte ich vergangene Woche das zweifelhafte Vergnügen, einen Lufthansa-Flug von Hanoi nach Hamburg abzureiten: Nach elf Stunden Stoppover in Bangkok und einem verpassten Anschluß in München hatten ich und die anderen Untoten, die in Hamburg aus der Maschine wankten, insgesamt 31 Stunden zwischen Punkt A und Punkt B verbracht. Beschwert man sich darüber? Nein.

Aber man greift sich doch an die Waffel, wenn man wenige Tage später liest, daß Boing seine neue Langstreckenmaschine, die 777-200LR Worldliner, auf einen Non-Stop-Rekord-Flug von Hong Kong nach London schickt: 22 Stunden und 43 Minuten und insgesamt 13422 Flugmeilen entlang der langen Route über den Pazifik, über die Vereinigten Staaten und den Atlantik bis zum Touchdown in Heathrow. Ein Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde? Ja.

Gute Werbung für den neuen Luxusliner? Nein. Man stelle sich den Rekordflug bitte einmal praktisch vor: vier schlechte Mahlzeiten, sieben mittelmäßige Filme und null Zentimeter Beinfreiheit. Viel Spaß.

© Jochen Vorfelder

09 November 2005

Die Queen wieder in Hamburg

Es gibt noch Hoffnung für Süddeutsche. Spätestens dann, wenn man sich frierend auf einem zugigen Kai stehend darüber begeistert, daß in schwarzer Nacht ein dunkel gestrichenes Schiff auf der grauen Elbe vorbeigleitet, kann man von sich behauptet: Ich bin een Hamburger Jung.


Besonders Spaß macht das perverse Hamburger Vergnügen, wenn es sich um ein Kaliber wie die inzwischen von der Hansestadt adoptierten "Queen Mary 2" handelt - am Dienstagabend haben wieder Zehntausende QM2-Fans an den Elbstränden und den St. Pauli Landungsbrücken gewartet, bis das Kreuzfahrtschiff sich gegen 18:30 vorsichtig den Fluß hoch tastete. Unerwartet niederiger Wasserstand verhinderte allerdings das direkte Eindocken bei Blohm + Voss. Nach einer Nach am Kreuzfahrterminal wurde das Manöver dann am Mittwoch morgen nachgeholt.


Uns hat die QM2-Verzögerung nicht aus dem Gleichgewicht gebracht: Spaggis gab's wie geplant gegen 19:00, der Prosecco war lecker, und der Blick vom Balkon auf den Container-Hafen auch nach dem Defilee der Queen noch richtig grandios.


© Jochen Vorfelder

02 November 2005

Hanoi: Bikes (beasts) of Burden

Gut angekommen in Hanoi. Ausfahrten zur Recherchen folgen dem bekannten Muster: Frühmorgendlich verläßt der fleissige Journalist das Hotel; unternehmungslustig schwingt er sich auf seine 125er Minsk - das unverwüstliche ukrainische Arbeitstier, mit dem er sich eine Schneise durch den wahnwitzigen Verkehr bahnt.

Bewaffnet mit Notizblock, Kamera und einem kleinen, leckeren Lunchpaket. Seit allerdings die Vogelgrippe in der vietnamesischen Hauptstadt wütet, ist das Hühnchen-Sandwich weniger beliebt. Schwein dagegen wird gerne mitgenommen.

Aufgefallen sind wir damit nicht. Die Vietnamesen transportieren so ziemlich alles Lebendige oder Tote in jeglichem Format auf ihren Mopeds.

Auf's Feinste dokumentiert hat dies der holländische Fotografen-Kollege Hans Kemp in seinem Fotoband Bikes of Burden, einer Hommage an vietnamesische Fahrer(innen) und ihre Mopeds, die die gut geölten Rädchen in der auf Hochtour laufenden Wirtschaftsentwicklung des Landes sind.

Ohne die Minsks, Hondas und Yamahas ginge in Vietnam gar nichts; und nirgendwo auf Erden gibt es eine so hohe Konzentration davon auf den Straßen - beladen mit unzählichen Passagierern und unvorstellbarer Fracht. Ein Lastwagenreifen, zwei Schweine, fünf Personen, 1000 Eier. Machbar ist alles - und Kemps brilliantes Buch zeigt es.

© Jochen Vorfelder