04 August 2005

Das Karussell von Colmar

Als sich Anfang der Neunziger Jahre Architekten von Euro-Disneyland auf die Suche nach passenden Blaupausen und Fassaden für das projektierte Fantasyland machten, wurden sie zügig fündig: in Colmar. Die Straßenzüge der Stadt im Herzen des Elsaß sind gesäumt mit den mittelalterlichen Stammhäusern und Residenzen von alteingesessenen Bourgeois.

Allesamt sind sie so kunstgerecht und zuckersüß restauriert, daß einem das Herz aufgeht in Anbetracht dieser heilen Welt und man hofft, ein Tor werde aufgestoßen und Aschenputtel flöhe barfuß durch die Hundertschaften der Touristen, die sich zu Urlaubszeiten durch die Fußgängerzone wälzen.

Auch der zentrale Place Rapp, benannt nach Napoleons's eisernen Frontgeneral Jeau Rapp, hält nicht wirklich das, was er oberflächlich vorgibt. Was mit den grauen Granitplatten und dem Springbrunnen wie ein moderne Version des Rapp'schen Exerzierfeldes wirkt, ist in Wahrheit das Dach eines versenkten Parkhauses für 1200 Fahrzeuge.

Nur an den südlichen Ausläufern des Place Rapp, unter den alten Kastanien, steht noch etwas Altes, das nicht vorgibt oder vortäuscht: das Kinderkarussell der Familie Roland Dieudonne. Gebaut vor über 100 Jahren, seit drei Generation in Familienbesitz, mit über 3000 Lampen, 50 Motivwagen und 30 Holzpferden, ruckelt und knarrt es um die eigene Achse, die sich mit einem kecken Wimpel obendrauf forsche elf Meter in den Himmel reckt.

Die Lautsprecher sind altersschwach; die Melodien auch. Da und dort blättert schon etwas die Farbe ab, doch die Augen der kleinen Madames strahlen vor Freude und die Wangen der zukünftigen Zinedine Zidanes mit den aktuellen Fußball-Trikots erröten vor Stolz beim Ritt auf dem Löwen.

Das Meisterwerk der Mechanik, bei dem zum Start noch ein schwerer Hebel umgelegt wird, betört unsere Herzen noch genauso wie vor einem Jahrhundert. Da fragt man sich spontan: Ob Euro-Disney in hundert Jahren wohl noch steht?

© Jochen Vorfelder

01 August 2005

Ratespiel: Ein Leben aus dem Koffer

Wer Ende des 18. Jahrhunderts als talentierter österreichische Autor publizistischen Erfolg erringen wollte, mußt nach Berlin. Auch unser traveller, geboren in Wien, kam 1908 in die Hauptstadt des Kaiserreiches und hospitierte zunächst beim Scherl-Verlag.

Doch erst als ihn der Assistent von Theodor Wolff, des legendären Chefredakteurs des Berliner Tageblatts, aufforderte, zukünftig "kleine Sachen" zu schreiben, kam seine bemerkenswerte Karriere in Fahrt.

Aus Gründen, die hier nicht näher erörtert werden sollen, schrieb er im Tageblatt ab 1909 nicht unter seinem richtigen Namen: Er zeichnete seine kurzen Lokalfeuilletons mit "Baptist" oder "Belial", bevor er dazu überging, einen Tiroler Bauernnamen als Pseudonym zu benutzen.

"A........ H........l" wird mit seinen kurzen Betrachtungen schnell eine Berliner Kultfigur: "Wer ist dieser A..... H.........l? fragte man sich alle Morgen, wenn man das Berliner Tageblatt aufschlug." Doch bald wurde es dem traveller in Berlin zu eng - und er muß Berlin ohnehin verlassen, weil der Erste Weltkrieg ihn nach Wien zurückzwang, wo er, so der Chronist Hermann Broch, einen "pazifistischen Kriegsberichterstatter" gab.

Ab 1923 verbringt traveller den größten Teil seines Lebens auf Reisen: London, Kalkutta, 1924 dann Ägypten, Palestina und der Amazonas, 1926 ein Ausflug über Kanada in die Südsee, Polynesien nach Neuseeland, und erstmal die USA und Hollywood. Bis 1933 folgen weitere Reisen in die Staaten, nach Schottland und schließlich die Teilnahme an einer Expedition in die libysche Wüste zusammen mit dem Fotografen Hans Casparius.

Alle seine Reisen kann traveller, der ein bemerkenswert präziser Beobachter ist, gut vermarkten: Er publiziert erfolgreich Bücher, weiter unter seinem Pseudonym, unter anderem das archivarisch hoch gehandelte "Die Mahdi-Trommel" und ein traumhaftes Werk über die Suche nach "Z............", einem verlorenen Archipel, das von seltenen Kleintieren bewohnt wird.

Nach travellers Reise nach Ägypten holte ihn die hässliche Realität in Berlin ein: Das liberale Tageblatt kündigt ihrem linksintellektuellen Mitarbeiter jüdischer Abstammung. Als der "Anschluß" Österreichs bevorsteht, steht er auf den Listen der Gestapo. Im Frühjahr 1838 gelingt traveller im letzten Moment die Flucht über die Tschechoslowakei und London in die USA. Seine letzte Reise: Im September 1939 stirbt er dort an einem Herzinfarkt.

Wer war da unterwegs?

Viel Spaß beim googlen.

© Jochen Vorfelder

27 Juli 2005

Ratespiel: Low budget durch die Wüste

Wenn sich im frühen 18. Jahrhundert Europäer ins unbekannte Innere Afrikas wagten, dann tat sie dies aus zwei Gründen. Sie waren entweder unerschrockene Händler oder wagemutige Wissenschaftler. Sie mussten bereit sein, ordentlich Geld zu investieren.

Denn Reisen war allemal ein teures und aufwendiges Unterfangen: Eine Expedition, wie sie z.B. der deutsche Forscher Heinrich Barth in den Jahren 1852 bis 1855 durch Westafrika unternahm, verschlang mehr als 100.000 Taler – in heutigen Maßstäben also fast eine Million Euro.

Wenden wir uns deshalb einem Traveller zu, der wenige Jahre nach Barth über das Mittelmeer setzte, und sich vom Hafen Tripoli aus auf den bisher undokumentierten Fußweg nach Timbuktu machte. Seine Reisekasse für den 3500 Kilometer langen Marsch ins Ungewisse: magere 2.500 Taler.

Dennoch war Traveller gut vorbereitet: Nach einem Medizinstudium – ohne Abschluß – verschlug es den Norddeutschen über Italien und die Schweiz nach Frankreich, wo er in die Fremdenlegion eintrat und sechs Jahre lang in Algier diente. Während der Feldzüge gegen die Kabylen überlebte er große körperliche Strapazen, eignete sich Arabisch sowie mehrere nordafrikanische Dialekte an und lernte das Überleben in der Wüste.

Traveller reiste low budget: Mit lokalen Führern und wenigen Kamelen schloß er sich einheimischen Karawanen an und versuchte, möglichst unauffällig und unerkannt zu reisen. Oasen ging er oft aus dem Weg – und kam so fast zwangsläufig vom Weg nach Timbuktu ab.

Traveller beschrieb in seinem bekanntesten Expeditionsbericht „Q... ..... .....a“, wie die Lastkamele eins nach dem anderen starben und er sich schon fast verloren gab, aber dann doch weiter unbeirrt nach Süden marschierte. Irrlichtend und nah am Wahnsinn erreichte er etwas, was vor ihm noch kein Europäer vollbracht hatte: die Durchquerung der Sahara nach Süden - vom Mittelmeer zum Golf von Benin.

Diese Reise – viele andere sollten folgen – machte ihn berühmt und Traveller wurde ein Publikumsliebling und begehrter Vortragsreisender, der an den fürstlichen Höfen in ganz Europa von der Sahara berichtete. In seinen Memoiren lobt er besonders seinen Vortrag in Riga: Dort lernte er seine Lebensgefährtin kennen, die Nichte des Afrikaforschers Georg Schweinfurth. Aber Schweinfurth, das ist eine andere Geschichte.

Wer war da unterwegs?

Viel Spaß beim googlen.

© Jochen Vorfelder

21 Juli 2005

Strom ist nicht gelb, sondern nass

Ja, sind die Balinesen jetzt ganz verrückt geworden? Da zapfen sie sich den teuren Strom aus der Leitung, und leiten ihn über dicke Kabel direkt ins Meer. Wo er die badenden Touristen unter Spannung setzt.

Keine Angst, hört sich schlimmer an, als es ist. Die wunderschönen Taman Sari Bali Cottages in Pemuteran an der Nordküste Balis bieten keine besonders harte Form von Selbsterfahrungskursen an, sondern sind Teil eines von der UNESCO und Klaus Töpfer höchstpersönlich ausgezeichneten Projektes zum Wiederaufbau von zerstörten Korallen-Ökosystemen. Und für Gäste garantiert ungefährlich.

„Der Fachbegriff für den Einsatz von Strom unter Wasser heisst mineralische Aggregation“, erklärt mir Nyoman Satri, der Techniker der Projekts. Und vereinfacht, funktioniert das Ganze so: Der Strom aus der Leitung wird auf 12 Volt herunter gepegelt, bevor er über die Unterwasserkabel raus zu Stahlkonstruktionen und Eisenmatten geleitet wird.

Diese Stangengebilde und Baumatten werden seit zwei Jahren nah am Strand versenkt, um Korallenstöcken und anderen Riff-Organismen einen „Bauplatz“ und neue Heimat zu bieten. Eine alte Technik, aber um ein vielfaches effizienter durch den Schwachstrom. Die leichte Spannung produziert Sandstein und zieht die „Riffbauer“ wie magisch an; die Wachstumsraten unter Wasser sind in Pemuteran sensationell.

Und dringend nötig: An der Nordküste Balis sind die Korallen in weiten Teilen durch Überfischung sowie Dynamiteinsatz geschädigt – die lokalen Fischer finden kaum mehr ein Auskommen. „Bisher sind die Fischer noch nicht ganz vom Projekt überzeugt,“ sagt dazu Satri, der mich durch die Anlage führt. „Aber wir haben jetzt begonnen, spezielle Riffs zur Zucht von Speisefischen anzulegen, das wird sie auf unsere Seite bringen.“

Hoffen wir das Beste – und wer das Projekt unterstützen will, kann das über die Taman Sari Bali Cottages einfach tun: Ankommen und sich’s gut gehen lassen, am Pool relaxen und im Restaurant lecker schnabulieren. Ein Teil des Umsatzes kommt dem Projekt zu Gute.

Mehr zum Projekt und den Taman Sari Cottages:
www.balitamansari.com
www.baliwww.com

© Jochen Vorfelder

26 Juni 2005

Auf den Spuren des "Englischen Patienten"

Eine Expedition unter Leitung des Deutsch-Libanesen Samir Lama erkundete im März 2003 den Gilf Kebir. Das Wüstenplateau im Länderdreieck Ägypten-Libyen-Sudan ist eine gottverlassene Stein- und Sandwüste. Und deshalb unwirklich schön.

Der Gilf Kebir und das Jebel Uweinat-Gebirge – zusammen so groß wie die Schweiz – wurden erst ab 1934 systematisch erforscht und kartografiert. Im Frühjahr 2003 besuchten der Expeditionsleiter Samir Lama und der 77-jährige Peter Clayton, der Sohn des damaligen Landvermessers Patrick Clayton, das Gebiet auf den Spuren und mit den Originalkarten seines Vaters.

Der alte Clayton, Anfang der dreißiger Jahre oft mit dem legendären "Englischen Patienten" Graf Ladislaus Almásy unterwegs, inspirierte den Autor Michael Ondaatje zur Person des "Mason" in seinem verfilmten Bestseller.

Für Samir Lama, einen Kosmopoliten mit italienisch-libanesischen Wurzeln und deutschem Pass, wurde der Gilf Kebir zur letzten Fahrt: Der alte Wüstenfuchs starb im Frühjahr 2004.

Hier der Link zum Film >

Und dazu noch einige Fotos aus dem moto1203-Flickr-Archiv.



www.flickr.com






© Jochen Vorfelder

20 Juni 2005

Zehn Jahre Brent Spar: Prost Shell!

Brent SparHeute vor zehn Jahren entschied der Ölkonzern Shell, einen Schiffskonvoi mit der ausrangierten Ölsammelstation "Brent Spar" im Schlepptau auf dem Weg in den Nordatlantik zu stoppen.

Ganz freiwillig fällte Shell die Entscheidung nicht. Nach wochenlanger Kampagne von Greenpeace hatten sich erst zwei, dann vier Aktivisten an Bord verschanzt und die Öffentlichkeit verfolgte mit wachsender Empörung, was da draußen geschah: Die Brent Spar war tagelang allabendlich in aufreizender Ruhe durch die Tagesschau gezogen worden und der Konzern stand unter schwerem Druck. In Hamburg wurde eine Shell-Tankstelle beschossen.

Wenige Wochen, nachdem die Kampagne für Greenpeace glücklich endete, habe ich das Buch "Brent Spar und die Zukunft der Meere" veröffentlicht.

Hören Sie das erste Kapitel des Buches , das einen Eindruck von der Kampagne und der Stimmung vor exakt 10 Jahren vermittelt.

© Jochen Vorfelder

15 Juni 2005

Die Reise zum Mittelpunkt der Erde

Ein alter französischer Klassiker! Aber mit deutscher Besetzung! Und im Gegensatz zu den anderen Werken des Romancier Jules Verne (geboren im Jahr 1828 - hundertster Todestag war am 23. März 2005) ) sind in „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ die teutonischen Nachbarn keine trotteligen Diener oder perfiden Betrüger.

Nein, in dem spannenden Abenteuerepos, das Jules Verne 1864 verfasste, sind der Hamburger Professor Lidenbrock und sein Neffe Axel zwar kauzige, aber durchaus sympathische Zeitgenossen auf spannender Mission.

Alles beginnt damit, dass Lidenbrock, ein angesehener Geologe, in einer alten Chronik eine geheimnisvolle Karte des isländischen Alchimisten Arne Sacknussem findet. Durch Zufall kann Axel das Dokument entziffern: Ein Reisender gelangt, wenn er in der Krater des Vulkans Snaefellsjökull steigt, zum Mittelpunkt der Erde.

Und los geht die Reise in vorweg genommener "Indiana-Jones"-Rasanz: Nach Kopenhagen und Island geht es über Gletscher, Vulkane und Höhlen tief in den Erdkern, der manche Endeckung und Überraschung für die wackeren Forscher bereithält. Soviel sei verraten: Einige Plots aus Stephen Spielberg's Dinosaurier aus "Jurassic Park", Tom Hanks epische Flossfahrt in "Verschollen" und die Verfilmung von "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" kommen einem nach der Lektüre des immerhin 140 Jahre alten Buches seltsam bekannt vor, offensichtlich hat der eine oder andere Drehbuchschreiber freimütig Anleihen genommen.

„Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ ist mit knapp über 200 Seiten ein idealer Reisebegleiter für Langstreckenflieger, die der Videofilm-Berieselung überdrüssig sind und sich einem Original widmen wollen. Denn als solches kann neben dem Buch auch Jules Verne selbst gelten: Während er seinen Lebensunterhalt tagtäglich als Börsenmakler verdiente, versank er in seiner Freizeit in eine Welt, die voller Ballone, Luftschiffe, Stahlstädte, U-Boote und Propellerinseln seiner Zeit ganz weit voraus war.

Die Wertung: kurios, aber amüsant. Im Jules-Verne-Jahr 2005 unbedingt lesen!

© Jochen Vorfelder

11 Juni 2005

Balsam für die Fantasie

Die bizarren Bilder verlieren sich in der Weite der Wüste. Im Westen Ägyptens, wo Staub und Luft verschmelzen, wo Felsen wie Brucheis aussehen, kann Reisen zur Meditation werden.


N 27° 27. 747’ E 28° 42. 817’
An der Karawanenstraße


Es muss ein fideler Heiligabend gewesen sein für den deutschen Afrika-Forscher Gerhard Rohlfs, jener 24. Dezember 1873 – sein Diener brachte ihm den Tischwein und als Überraschung das Geschenk seiner Frau Gemahlin: handgestrickte Hausschuhe. Die passten zwar nicht in die karge Wüste, doch Rohlfs war dennoch hoch erfreut. Just zum Weihnachtstag hatte seine Karawane auf dem Weg zum Großen Sandmeer und nach Libyen die Djara-Tropfsteinhöhle erreicht, die er als erster Weißer betrat.

Auch 128 Jahre später ist Djara an der alten Karawanenstraße von Assiut nach Bahariya im Westen Ägyptens noch immer eine Sensation: In einem Hügelfeld verbirgt sich in einer Felsspalte eine schmale Öffnung, hinter der sich eine teilweise zwölf Meter hohe und tennisplatzgroße Höhle öffnet. Tausende von Stalaktiten hängen an der Decke, am Boden befinden sich Stalagmiten – vom Flugsand umbrandet. In die Wände sind Zeichnungen geritzt.

Eine Nebenhöhle mit Feuerspuren, wie alt mögen sie sein? Wie kommt Tropfstein in diese wasserlose Einöde? Und was mochte Rohlfs gedacht haben?

Wir sind seit zwei Tagen auf seiner Fährte: Die Hand voll Oasen im Westen Ägyptens sind trotz asphaltierter Straßen und regelmäßigen Busverkehrs nach Kairo immer noch Entdeckerland. Dramatische Wüsten, menschenleere Winkel, überraschende Grabfunde wie im Tal der Mumien und Geschichten von Liebe und Entbehrung – das endlose Land westlich des Nil schlägt den Besucher mit einer Vielfalt von Eindrücken in den Bann, wenn, ja wenn er sich auf gelegentliche Strapazen einlässt.

Von Bahariya, einer der Oasen im westlichen Ägypten, waren wir mehr als 100 Kilometer Richtung Osten vorgedrungen, hatten die zwei Toyota-Geländewagen durch tiefe Wadis und auf hohe Plateaus geprügelt und waren dann an einem Gebirge aus Sanddünen gen Süden abgedreht, bevor wir die Djara-Höhle erreichten. „Abdel, wie findest du diese Höhle, wo alle Hügel hier gleich aussehen?“ Abdel Kadr el-Badramany, Rektor der Grundschule von Bahariya und unser Führer durch die Wüste, lacht und zieht an seiner Zigarette. „Einfach den Spuren nach, auch wenn du keine siehst. Kann jeder von uns Badramanys. Frag Magdi, Wüste liegt uns im Blut.“ Auch Magdi Badri el-Badramany, unser zweiter Fahrer, navigiert völlig entspannt durch das raue Niemandsland, vor allem, weil bei dieser Exkursion außer zwei zahlenden Fahrgästen viele Freunde aus der Oase mit an Bord sind: Abdel, der Onkel, Achmed, Abdullah und Peter Wirth, der Deutsche, der mit seiner japanischen Frau Miharu in Bahariya ein Hotel betreibt.

Abends am Lagerfeuer, als ich mein GPS-Gerät auspacke und mir von den Satelliten am Sternenhimmel die Koordinaten unseres Camps berechnen lasse, kommt das Thema noch einmal auf. „Manchmal glaube ich, dass die Beduinen den richtigen Weg riechen wie Kamele das Wasser“, sinniert Wirth abschließend aus seinem Schlafsack.

Mir kommt dazu eine Passage aus den „Sieben Säulen der Weisheit“ von T.E. Lawrence in den Sinn: „Meine Führer witterten gleich Hunden in der Luft, führten mich von einem verfallenen Raum in den anderen und erklärten: ‚Das hier ist Jasmin, das Veilchen, das Rose.‘ Aber zuletzt zog mich Dahoum mit sich: ‚Komm und rieche den schönsten Duft von allen.‘ Wir gingen in den Hauptraum, traten an die gähnenden Fensterhöhlen und tranken dort mit offenem Mund den leichten, reinen, unbeschwerten Wüstenwind, der uns umfächerte. Das ist der beste, sagten sie zu mir: ,Er hat keinerlei Geschmack.‘“

Was gibt es Schöneres, als in fast schmerzhafter Stille unter dem Sternenhimmel im Sand zu liegen? Die Reinheit und Leere der Wüste – wer sich auf sie einlassen kann, wird mit einer meditativen Reise durch eine einzigartige Landschaft belohnt. Vor rund 70 Millionen Jahren lag diese trockenste Zone der Erde noch auf dem Boden eines Urmeeres. Doch seither haben Wind und Sand aus dem abgelagerten Sediment- und Kalkgestein verschiedenste Formationen und Gegenden geschaffen – wie die Schwarze Wüste, wo Kegel- und Pyramidenformen dominieren, changierende Brauntöne, der allgegenwärtige Schiefer und anderes schwarzes Gestein. In der Weißen Wüste dagegen gibt es nur Sand und weißen Kalkstein. Doch wer denkt, das sei langweilig, täuscht sich gewaltig – die genial einfache Mischung lässt der Fantasie viel Raum.

N 27° 15. 763’ E 28° 11. 708’
Camp in der Weißen Wüste


Wenige Tage nach dem Trip zur Djara-Höhle sind wir mit Magdi und Samy, einem der jüngeren Brüder aus dem Badramany-Klan, wieder unterwegs. Es wird Abend, die Hitze des Tages lässt nach. Während Magdi und Samy das Lager aufschlagen, wandern Andreas, der Fotograf, und ich in der Weißen Wüste umher. Die Kalkstein-Skulpturen liegen unter sanftem Licht und werfen lange Schatten.

Das kurze Intermezzo zwischen Sonnenuntergang und Dunkelheit ist die Mußestunde der Wüste; jetzt zeigt sie sich von ihrer milden Seite. Alle Lebewesen, die sich unter Tage vor der unbarmherzigen Sonne versteckt hatten, erwachen zum Leben. Käfer, schwarz und groß wie ein Fünf-Mark-Stück, wagen sich aus der Deckung. Ein paar Wüstensteinschmätzer, die an den wenigen Wasserstellen leben, schwirren herum.

Mein Blick fällt immer wieder auf die Erde, die Wüste liegt mir in Form von Souvenirs zu Füßen – Scherben römischer Amphoren, Bruchstücke von Straußeneiern und fossile Muscheln.

Die Gedanken schweifen zurück, zur Abfahrt. Der schnelle Abschied von Bahariya, wo wir den Wüstentrip ohne Probleme innerhalb eines halben Tages organisiert hatten, kam uns zupass. Der Unterhaltungswert der Wüsten-Enklave tendiert nach einem Tag intensiver Erkundung gegen null; abendlicher Höhepunkt sind der Spaziergang vom Hotel zur Hauptstraße und die warme Pepsi vor dem Kaffeehaus, während auf der Straße das Leben tobt: Bauern treiben ihre Esel durchs Dorf, vor dem Bäckerladen werden Brotfladen kunstvoll gestapelt. Die Wasserpfeifen blubbern; der Geruch von süßem Apfeltabak signalisiert: Der Tag ist gelaufen, aber morgen geht’s wieder weiter – wie seit tausend Jahren.

Nicht ganz so altvordern wie die lokalen Sitten, aber doch auch von bemerkenswerter Verweildauer sind die Toyotas, mit denen Magdi und seine Kollegen die Touristen durch die Wüste fahren. Mehrfach umgebaute und zerbeulte Allrad-Veteranen aus den siebziger Jahren sind keine Seltenheit, neumodischer Schnickschnack wie Scheibenwischer, Klimaanlagen und elektrische Fensterheber zwar bekannt, aber unerwünscht. Was es nicht gibt, kann auch nicht kaputtgehen.

Gutes altes Auto, stundenlang waren wir an Bord des Landcruisers wie auf einem Schiff durch den Sand geschlingert. Die Zeit verging wie im Flug. Am Morgen noch die Gesteinspyramiden im Aqabat, der Bruch-Region, in der das vom Nil kommende Plateau in die Farafra-Senke übergeht. Dann weite Stein- und Geröllebenen mit Sandinseln und einsamen Tamarisken und Akazien, die wie ein Wunder die Trockenheit überleben.

Gegen Mittag Magic Spring und Ain Hadra, zwei artesische Brunnen mit einem Büschel Dattelpalmen, zu deren Füßen schon römische Söldner Rast machten. Die Gegend, die von den Einheimischen „die Zelte“ genannt wird, wo zahllose Kalkhügel wie Muffins frisch vom Backblech aus dem Boden wachsen.

Die Bilder verlieren sich in der Weite der Wüste, die endlos erscheint am Horizont, wo das zärtliche Abendlicht und der Staub in der Luft miteinander verschmelzen wie Eindrücke und Fantasie. Hier, die hellen Quader, die aus dem weißen, verkeilten Brucheis und den Schneeverwehungen ragen, könnte das nicht die Antarktis sein? Und dort, die hoch aufragenden Riesenpilze und Kreidebrocken – im schwindenden Licht verwandeln sie sich in Trolle, Kamele und Pharaonen.

Es ist fast dunkel geworden, und die Badramanys haben über dem Holzfeuer das Abendessen gezaubert: Tomaten- und Gurkensalat, gebratene Hähnchen, Reis und süßen Beduinen-Tee. Nach dem Essen machen wir es uns bequem unter den Sternen. Magdi erzählt von seiner Familie, die seit Menschengedenken in der Wüste lebt: „Die letzten Kamel-Karawanen über Bahariya bis ins libysche Kufra sind in den sechziger Jahren gezogen“, sagt er mit einem Anflug von Bedauern, obwohl er die Mühen dieser Touren aus den Erzählungen seines Großvaters kennt.

Dessen Vater wiederum war einer der ersten Badramanys, die aus dem Wissen, wie man in der Wüste überlebt, Kapital schlugen: Er fuhr Anfang der dreißiger Jahre mit dem ungarischen Adligen Ladislaus Almásy und dem Engländer P.A. Clayton auf der Suche nach der geheimnisumwitterten Oase Zarzura in den noch unerforschten Süden der Westlichen Wüste. Almásy entdeckte im Gilf Kebir, einem Hochplateau von der Größe der Schweiz, prähistorische Wandmalereien wie die „Schwimmer in der Wüste“. Die Funde belegten, dass vor 10 000 oder mehr Jahren noch Krokodile und Giraffen in der Gegend gelebt hatten, und wurden zu einem Thema in der romantischen Romanverfilmung „Der englische Patient“.

N 28° 20. 342’ E 28° 51. 608’
Zurück in der Oase Bahariya


„Jala, hier rechts rein!“ Peter Wirth dirigiert Fahrer Achmed – der seit 30 Jahren der Chef der örtlichen Ausweisstelle und damit gehobener Beamter ist, aber seinen Lebensunterhalt damit bei weitem nicht bestreiten kann – in eine staubige Seitenstraße von Bawiti. Achmed quittiert Wirths Anweisungen mit einem müden Seitenblick; er kennt hier jeden Weg.

Bahariya ist wie die anderen Oasen Siwa, Farafra, Dakhla und Kharga kein schöner Ort; das Klischee vom verträumten Winkel unter Palmen, die sich dicht um eine einsame Wasserstelle drängen, stimmt nur bedingt. Bahariya etwa besteht aus rund einem Dutzend Weilern, die teilweise bis zu 30 Kilometer voneinander entfernt liegen. Die Orte sind Verwaltungszentren, Militärstützpunkte und Marktflecken mit Neubauten und verfallenen Lehmhäusern; die Bewohner mancher Orte müssen noch heute auf Strom verzichten. Keine Wüstenromantik, nur nackte Hausmauern und versandende Gärten.

Hunde bellen, Kinder johlen. Der Jeep hält vor einem Sandhügel, Geröll und Steinen; obendrauf zwei Hütten, die in der Mittagshitze oszillieren. Ein typisches Anwesen in Bawiti, wäre da nicht ein kleiner Unterschied: Unter dem Schutt liegen die Gräber des vorchristlichen Oasen-Herrschers Zed Amun Ef Ankh und seines Sohnes Banentiu. Ihre letzte Heimstatt wurde vor mehr als zwei Jahrtausenden in den Sandstein gemeißelt; die mit Hieroglyphen bemalten Wände erzählen von mächtigen Herrschern und glanzvollen Siegen – Bahariya scheint mal ein spannender Ort gewesen zu sein.

In allen fünf westlichen Oasen stößt man auf historische Stätten; in Kharga etwa auf Bagawat, einen der ältesten christlichen Friedhöfe Ägyptens. In Dakhla stehen 20 Grabanlagen auf dem Besuchsprogramm, nahe der libyschen Grenze liegt der Tempel des Orakels von Siwa, das schon Alexander der Große konsultierte. Für Hotelier Peter Wirth sind diese Altertümer touristische Schätze, die im Verborgenen schlummern. „In ein paar Jahren haben wir hier Reisegruppen aus Japan.“

Dass Wirth mit seiner Prognose wahrscheinlich Recht behalten wird, ist auf den Fehltritt eines Esels in der Oase Bahariya zurückzuführen. Der alte Zausel stolperte und brach mit einem Huf durch ein dünnes Gewölbe. Darunter taten sich Welten auf: In der Katakombe lagen Leichname, mumifiziert, mit vergoldeter Gesichtsmaske geschmückt, dicht an dicht.

Die Ausgrabungen fördern die Spuren versunkener Zivilisationen aus dem sechsten vorchristlichen bis zum vierten nachchristlichen Jahrhundert zu Tage. Ein Ende der sensationellen Funde ist nicht abzusehen: Die Gruft unter der Oase erstreckt sich schätzungsweise über sechs Quadratkilometer; die Wissenschaftler vor Ort rechnen mit mindestens 8000 Mumien. Anfang des Jahres 2001 hatten sich die Helfer von Dr. Zahi Hawass, dem verantwortlichen Ausgrabungsdirektor, bis zu Gad Khensu Eyuf Ankh, dem Herrscher über die Oase zwischen 589 und 570 vor Christus, und seiner Gemahlin, der Königin Naas, vorgegraben. Deren Mumie im vergoldeten Kalksteinsarg war gut erhalten und mit 100 goldenen Amuletten geschmückt.

Inzwischen wird darüber spekuliert, wie die Oasen-Noblen zu solch spektakulären Reichtümern kamen und warum ihre Macht schwand. Hatten sie bisher unbekannte Kolonien im Süden? Waren sie die Herrscher über geheime Karawanenrouten, die das Mittelmeer mit dem fruchtbaren und an Bodenschätzen reichen Schwarzafrika verbanden?

Warum verarmten die Oasen? Auch Zahi Hawass kann diese Frage nicht beantworten. Doch er ist überzeugt, dass nun ein Teil des Reichtums in Form von Devisen zurückkehren wird: „Mit Königin Naas bringen wir die Oasen endgültig auf die touristische Landkarte.“

© Jochen Vorfelder

Map your trip with EveryTrail

23 Mai 2005

Ratespiel: Hundert Jahre Neugierde

Geboren in Paris, erzogen in Paris, verzogen nach San Remo, vorgedrungen in die letzten „Weissen Flecken“ auf den Karten Persiens und der saudi-arabischen Halbinsel – unser Forschungsreisende/r hat in erfüllten hundert Lebensjahren viel erlebt.

Obwohl, ja, obwohl er seit seiner Jugend „an schwacher Gesundheit“ laborierte, sich Masern, Malaria und Denguefieber zuzog, und auf seinen Reisen mehrere Herzattacken erlitt.

Schuld an der unstillbaren Reise- und Entdeckungslust war ein italienischer Kapuzinermönch, den Traveller in San Remo kennenlernte, und von dem er Arabisch lernte. 1927 begann die erste Reise nach Osten; in den Libanon, ins Land der Drusen. Nach sieben Monaten war klar: “Ich werde meine Zukunft neu planen müssen.“

Zwei Jahren später kehrt er in die Levante zurück – und taucht als Kostgänger einer Schumacherfamilie tief in das arabischen Leben ein. Traveller lernt neben Arabisch auch fließend Persisch, organisiert vor Ort zwei sensationelle archäologische Ausgrabungen am Kaspische Meer und schreibt sein erstes Buch mit dem deutschen Titel „I...................r“.

Als er in den Dreißiger Jahren nach England zurückkehrte, wurde er von der Royal Geographic Society hoch dekoriert. Von einer anderen Royal ..... Society erhielt Traveller die Burton-Medaille und den Auftrag zu zwei neuen Expeditionen in das „leere Viertel“ des südliche Arabiens, um frühe Zentren des „Gewürz- und Weihrauchhandels“ zu erforschen.

Wie viele britische Traveller seiner Zeit arbeitet unsere gesuchte Person im Zweiten Weltkrieg für den britischen Geheimdienst – er ist an der Gründung der „Brüder und Schwestern der Freiheit“, einer clandestinen pro-britischen Organisation, in Ägypten beteiligt.

Auch in den Sechziger, Siebziger und Achziger Jahren ist die Wanderlust ungebrochen: Türkei, Syrien und immer wieder Persien. Traveller ist Ende Siebzig, als die BBC ihn zu einer großen Euphrat-Expedition einlädt. Ihre eigenen Reisepläne führen sie gar noch weiter – bis Afghanistan und Nepal. Traveller ist sechsundachtzig, als er auf dem Rücken eines Pferdes das Annapurna-Basecamp erreicht.

Kurz vor dem Tod 1993 – wieder in den Bergen nahe San Remo - schreibt der hundertjährige Traveller: „Die Natur des Entdeckens ist noch immer einer der inspirierendsten Leitsterne des menschlichen Geistes.“

Wer war da unterwegs?

Viel Spaß beim googlen.

© Jochen Vorfelder

15 Mai 2005

Ratespiel: Tod auf dem Strom

Wer im 18. Jahrhundert als siebtes Kind eines schottischen Weizenbauers geboren wird, dem ist die Reiselust und eine Karriere als Forschungsreisende/r nicht zwangsläufig in die Wiege gelegt.

Doch durch ihre medizinischen Studien kam unsere gesuchte Person in Kontakt mit dem berühmten Botaniker und Entdeckungsreisenden Sir Joseph Banks, der schon mit Captain James Cook die Erde umsegelt hatte.

Banks beschaffte Traveller zunächst eine Passage als Schiffsarzt nach Samutra, bevor er ihn beauftragte, den noch unbekannten Verlauf eines Flusses zu erforschen.

Fünf Jahre vor der Jahrhundertwende kam Traveller in Westafrika an und machte sich auf eine erste beschwerliche Reise ins Landesinnere – begleitet von einem Diener namens Johnson, einem freigelassenen Sklaven als Führer, zwei Eseln und einem Pferd. Sie kamen nicht weit.

Nach vier Monaten Gefangenschaft in der Hand eines feindseligen Dorfoberen gelangen es Traveller und Johnson, zu fliehen – durch Dschungelgebiete, aber auch durch sandigen Steppen, die von Traveller’s Namensvettern in Erdhöhlen, die zur Familie der Ichneumons gehören, bewohnt werden.

Travellers Reisebeschreibung „T...........a“, von der die erste Auflage in kürzester Zeit vergriffen war, machte ihn zu einer reichen Persönlichkeit; mit dem Honorar von 1000 Pfund eröffnet er eine Arztpraxis in seinem Heimatort. Doch das Scheitern in Afrika verwandt unsere gesuchte Person nie.

Zehn Jahre später startete Traveller einen weiteren Anlauf zur Quelle des Flußes – diesmal mit 40 weiteren Weißen, darunter 30 Soldaten zum Schutz. Auch dieser Expedition war kein glückliches Ende beschert: Nach 6 Monaten und 1000 Meilen über Land und auf dem Strom waren außer Traveller nur noch 4 Weiße am Leben; die anderen waren durch Durchfall geschwächt an Gelbfieber gestorben oder den Kugeln von Heckenschützen zum Opfer gefallen.

Wann Traveller selbst sein Leben verlor, ist nicht überliefert: Sicher ist nur, daß er 1806 als einer der Letzten der Expedition in seinem Schicksalsstrom ertrank. Seine Lebensgeschichte inspirierte einen amerikanischen Schriftsteller, der außer einem naheliegenden Werk über das Ertrinken auch den Bestseller „W...... ........k“ veröffentlicht hat.

Wer war da unterwegs?

Viel Spaß beim googlen.

© Jochen Vorfelder

04 Mai 2005

Waldmeisters Traum

Den Dingen ihren Lauf lassen. Nicht eingreifen, auch wenn’s schwer fällt. Träumen muss man Zeit geben. Diesem Wald auch.

Eine Geschichte über die Gesetze der Wildnis im Nationalpark Bayerischer Wald. Über Männer, die zuschauen können.


Acht Uhr, ein Tag Anfang September; es ist noch ziemlich frisch und diesig, aber Mario Schmid liebt diese Zeit des Tages ganz besonders. Dann hängen die Nebelschwaden wie hingetupft über dem Latschensee bei den Hochmooren und hüllen die alten Sommerweiden in ein unwirkliches Licht. Ein erster Lichtstrahl kommt tastend durch, die Sonne sucht vorsichtig den Weg auf die Erde. Gelegentlich klopft ein Specht.

Wanderer trifft man selten, im Winter kommt fast nie einer her, oft liegen zwei Meter Schnee von November bis April. Schmid sagt, hier oben gebe es Luchse und drüben auf der böhmischen Seite auch wieder Wölfe. Hier oben, im Nationalpark Bayerischer Wald entlang der Grenze zur Tschechischen Republik, liegt eines der letzten Urwaldgebiete Deutschlands.

Mario Schmid kennt diesen Wald – rund 24250 Hektar zwischen Bayerisch Eisenstein im Norden und Mauth im Süden – wie nur wenige. Mit 17 Jahren hat er sich beworben beim Forstamt Zwiesel, an der Motorsäge gearbeitet und jahraus, jahrein Holz gemacht. Jetzt ist er 30 und hat sein Leben völlig auf den Kopf gestellt. Seit er 1999 zur Nationalparkwacht wechselte, ist er einer von zwei Dutzend Rangern, die seit der späten Gründung im Nationalpark Bayerischer Wald patrouillieren und nach dem Rechten sehen. Natürlich zu Fuß oder im Winter auf Skiern, will Schmid vermerkt wissen und rechnet aus, dass er bei einem normalen Tagespensum von zehn Kilometern noch zweimal um die Erde marschieren wird, bevor er in den Ruhestand geht.

So schreitet er ruhig aus. Beobachtet Schleuser und Schmuggler an der Grenze, hilft verirrten Wanderern und bringt den Besuchern die Idee des Nationalparks näher: zuschauen, nicht eingreifen, Natur wieder Natur sein lassen. Im Wald komme es auf einen Tag nicht an, sagt Schmid.

Wenn der Mann auf seinen einsamen Routen auf Wanderer trifft, sucht er das Gespräch wie ein Evangelist und erzählt aus vollem Herzen: von den Hochmooren und den Aufichtenwäldern unten im Tal, von Rot- und Schwarzwild, vom Marder und vom Fischotter, von mehr als 50 Waldvogelarten wie dem Auerhahn und dem scheuen Schwarzstorch. Er erklärt in einfachen Worten die komplexe Dynamik des Ökosystems als Ort des Werdens und Vergehens und spricht davon, wie überholt die alten Vorstellungen vom ordentlichen, aufgeräumten „Deutschen Wald“ inzwischen seien. Während seiner Zeit beim Forstamt hat Schmid selbst noch daran geglaubt, im Nationalpark gelten sie nicht mehr. Erst 1970 wurde der alte Teil als erster von inzwischen 13 deutschen Nationalparks eröffnet, 1997 kam das Erweiterungsgebiet hinzu.

Hier soll aus dem Forst wieder Wildnis und aus der Wildnis wieder Urwald werden. Das will auch Schmid, und deshalb macht er seine Sache gut – manchmal mit mehr Dialekt als Dialektik, aber immer mit Liebe zum Wald. Für ihn sind Tage im Park mehr als Arbeit, und der Wald ist mehr als ein Arbeitsplatz, ist Heimat.

Zehn Uhr, es hat etwas aufgeklart. Forstamtmann Reinhold Gaisbauer kommt in seinem betagten Geländewagen vom Höllbachgepreng herunter. Diese Schlucht mit ihren haushohen Wasserfällen und überhängenden Felsabstürzen am Fuß des Großen Falkensteins gehört zu den ursprünglichsten Flecken im Park. Seit Gaisbauers Revier beim Forstamt Zwiesel in den Nationalpark aufgegangen ist, betreut der Förster die Infrastruktur im Erweiterungsgebiet. Er steht also der Schreinerei vor und sorgt unter anderem dafür, dass die Wander- und Radwege in Ordnung sind.

Über mehr als 300 Kilometer können die Besucher sich die kleinen Sensationen des Nationalparks erwandern, in drei Berggaststätten in der Sonne rasten oder sich auf den Weg zur offenen Grenze nach Böhmen und in den angrenzenden tschechischen Nationalpark ëSumava machen. Alle Wege sind markiert, für Radfahrer wurden eigens 200 Kilometer im Park reserviert. Tiersymbole wie der Luchs, der Bär oder der Auerhahn auf gelbem Grund kennzeichnen Rundwege zwischen einer und sechs Stunden Fußmarsch; weiße Plaketten verweisen auf Verbindungen zwischen zwei Zielen. Auch der Europäische Fernwanderweg zwischen der Ostsee und der Adria führt durch den Park.

Reinhold Gaisbauers nächstes Ziel auf der Kontrollfahrt ist der Hans-Watzlik-Hain, einer der sechs Nationalpark-Lehrpfade und geführten Rundgänge in speziellem Freigelände. Hier will er den Zustand der Informationstafeln unter die Lupe nehmen. Nein, einfach sei das alles nicht gewesen damals bei der Erweiterung des Nationalparks, da hätten schon einige stark gezweifelt, ob man so riesige und produktive Waldflächen sukzessive bis 2017 aus der Nutzung nehmen und dem Naturschutzgedanken opfern solle, sagt Gaisbauer: „Doch im Grunde hat der Nationalpark dem Bayerwald in den letzten 30 Jahren die großen Fortschritte gebracht.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Innere Bayerische Wald nämlich eine äußerst strukturschwache Region und eines der Armenhäuser der jungen Republik. Im Winter, wenn der Schnee den Wald für Hirten und Holzarbeiter fast unpassierbar machte, waren oft vier Fünftel der Männer arbeitslos. So gesehen war die Gründung des Nationalparks 1970 das wohl erfolgreichste strukturpolitische Programm, das jemals von einer bayerischen Landesregierung aufgelegt wurde. Heute kommen Jahr für Jahr 2,5 Millionen Touristen, die im Schnitt pro Person und Tag 60 Euro zurücklassen. In den Nationalparkgemeinden, wo sich einst Fuchs und Hase Gute Nacht sagten, ist eine florierende Tourismus-Industrie entstanden: Die „Waldler“-Gegend, wie die Einheimischen sagen, steht heute blendend da.

So blendend wie der wohl einmalige Watzlik-Hain. Gaisbauer erläutert, dass die zwölf Hektar große Fläche nach den glaubhaften Unterlagen der Forstämter seit rund 400 Jahren nicht mehr wirtschaftlich genutzt werde und damit wohl das Areal im Nationalpark sei, das einem unberührten Bergwald am nächsten komme.

Und was gibt es zu sehen? Das Waldstück ist mit sehr wenig Unterholz überraschend licht. Pflanzen aller Entwicklungsstufen eines gesunden Waldes leben und modern hier einträchtig mit- und nebeneinander. Gewaltige Buchen gibt es hier und Tannen mit zwei Meter Durchmesser in Brusthöhe. Gestürzte Riesen haben breite Schneisen geschlagen, in ihrem Verhau wachsen neue Pflänzlinge im Moos und drängen zum Licht. Im Watzlik-Hain werden die in Menschenjahren nicht fassbaren Zeithorizonte von Naturwäldern sichtbar. Um solche Gegenden wie den Watzlik-Hain ranken Mythen, Erinnerungen und Sehnsüchte der Einheimischen. Im Bayerischen Wald spielen auch Adalbert Stifters Bergwaldsagas. Hier bildete sich der echte „Waldler“, dieser ganz eigene Menschenschlag, heraus. Bis 1995 der Borkenkäfer kam und der Wald auf einen Schlag starb.

Dreizehn Uhr: Auf geht’s, ruft Forstoberrat Wolfgang Bäuml, wirft sich die Fleece-Jacke über die Schulter und richtet den grünen Filzhut: Über dem Park erstreckt sich ein strahlend blauer Himmel. Kaiserwetter. Ja, auf geht’s auf den Lusen-Gipfel. Bäuml ist lokales Urgestein, seit gut 20 Jahren steht er in Diensten des Nationalparks. Mittlerweile ist er der Mann für alle Informationszentren und Museen und daher, wie er mit leidender Miene sagt, am Schreibtisch festgenagelt.

Abmarsch. Vom großen Parkplatz für die erdgasbetriebenen Igelbusse, die Besucher des Hans-Eisenmann-Hauses über das Dorf Waldhäuser zum Fuß des Berges bringen, führt der Weg in den Bergfichtenwald. Weiter geht’s durch alte Bestände mit genügsamen Vogelbeeren hoch zur steilen Himmelsleiter, bevor das Gipfelkreuz des Lusen auf der nackten, 1373 Meter hohen Granitkuppe lockt.

Nackt ist am Lusen nicht nur der Gipfel. Der grandiose Rundblick weit von den Donauauen über den mächtigen Großen Rachel mit seinen 1453 Metern bis tief hinein nach Böhmen enthüllt, dass von der einstigen Waldpracht, von den wogenden Teppichen aus grünen Wipfeln nichts übrig geblieben ist. Weil nach regelmäßigen kleineren Attacken 1996 die schlimmste Borkenkäferplage seit Menschengedenken ausbrach, ragen auf rund 3600 Hektar – das sind fast 15 Prozent der Gesamtfläche des Parks – nur noch die Stümpfe gebrochener Bäume aus den Hängen.

Anfang der neunziger Jahre geriet das über Jahrzehnte hinweg ausgewogene Verhältnis zwischen dem Borkenkäfer und seinem Wirt, der Fichte, nicht zuletzt durch Umweltfaktoren in Schieflage. Kürzere Winter, veränderte Regenperioden, einige trockene Sommer und eine Klimaerwärmung in den Hochlagen um 0,6 Grad über das letzte Dutzend Jahre verstärkten den Stress für die sensiblen Fichten und bereiteten den Boden für eine explosionsartige Vermehrung des Käfers. Millionen von etwa drei Millimeter kleinen Fliegern schwärmten aus, um sich in die Borke von geschwächten Fichten zu bohren und ihre Brut in der Nährstoff-führenden Basthaut zu hinterlassen. Nach sechs Wochen ist der Baum dem Tod geweiht, die nächste Käfer-Generation geschlüpft und zur Reproduktion bereit. Aus Millionen werden schlagartig Milliarden von Bohrern und Fressern, die über den Wald herfallen.

„Als sich in den Jahren 1996 bis 1998 die Hänge von Rachel und Lusen durch die verdorrenden Fichtennadeln weithin sichtbar graugrün bis rostrot färbten und der ,Wald vor Schmerz blutete‘, da stand ich“, sagt Bäuml, „mit meinen Kollegen öffentlich am Pranger.“ Warum schauten die tatenlos zu, wie aus dem wogenden Hochwald ein Waldfriedhof wurde? Warum griffen die nur im Randbereich des Parks ein, wo das Übergreifen der Plage auf Staatsforste und wirtschaftlich genutzte Privatwälder durch konsequente Einschläge erfolgreich verhindert wurde?

Die Parkler waren in arger Bedrängnis. Nicht wenige in der Region prophezeiten, dass die Touristen ausbleiben würden,
dass es aus sei mit dem Broterwerb, dass der Wald nie mehr kommen würde, die Heimat nie wieder Heimat sein würde. Es waren bekannte und wohl gelittene Gesichter darunter, Förster im Ruhestand und ehemalige Abgeordnete mit nicht wenig Einfluss in der Münchner Staatskanzlei. Sie machten Front gegen die Nationalparkverwaltung, gegen tatsächliche Umweltschützer und vermeintliche „Öko-Faschisten“. Die Bürgerbewegung, die das Fällen und den Abtransport der Bäume sowie das Verbrennen der Borke einklagte, spaltete Familien und ganze Dörfer. Einige verloren die Nerven, etwa als ein Gebäude der Nationalparkwacht nach einem Brandanschlag in Flammen aufging und örtliche Fürsprecher der bedrängten Parkler bedroht wurden.

Doch die Zeit der zerstochenen Reifen, sagt jedenfalls Wolfgang Bäuml, sei vorbei. Die Käferpopulationen sind längst wieder eingebrochen, und die Argumente für ein Festhalten an der Nationalpark-Idee waren letztlich stärker – weil aus der Katastrophe ein neues Ökosystem entsteht und der Wald wieder wächst. Langsam zwar, aber allen Unkenrufen zum Trotz und zur Beruhigung der Wanderer, die meist geschockt sind, wenn sie zum ersten Mal einen Wald in diesem Entwicklungsstadium sehen. Doch wer genau hinschaut auf dem Waldfriedhof, wo die silbergrauen Stümpfe und Stangen liegen wie ein Mikado für Riesen, kann die Kinderstube des neuen Waldes erkennen.

Wenige Minuten vor dem letzten Gipfelanstieg über die Himmelsleiter hat die Nationalparkverwaltung den geführten Hochwaldsteig angelegt, hier schlängelt sich ein Bohlenweg besucherfreundlich durch das neu entstehende Unterholz. Schon ein paar Jahre nach dem Käferbefall sind der Neubewuchs und die entstandene Artenvielfalt beeindruckend: Insekten schwärmen, überall krabbelt es, Eidechsen huschen in die Sonne. Weidenröschen blühen, Himbeer- und Heidelbeersträucher wuchern. Pionierbäume wie Birken, Salweiden, Zitterpappeln, Vogelbeeren und Bergahorne gedeihen prächtig. Sie bereiten den Weg für eine neue Generation von Fichten, die wie Orgelpfeifen sprießen, weil beim Zerfall der gestürzten Vorfahren über Jahrhunderte gesammelte Nährstoffe freigesetzt werden. Für Wolfgang Bäuml, den alten Praktiker, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Fichten wieder das Regiment übernehmen. So zwischen 60 und 100 Jahre, schätzt er, wird es dauern, bis sich ein Bergwald ohne menschliche Eingriffe gebildet hat. Kann schneller gehen, kann länger dauern, aber Sorgen macht Bäuml sich deswegen nicht. „Was soll schon anderes wachsen im Wald als Wald“, grummelt er.

Siebzehn Uhr, Nationalparkverwaltung Grafenau. Wer Karl Friedrich Sinner hinter seinem Schreibtisch beobachtet, wie er nach einem langen Arbeitstag mit leichtem Augenblinzeln hinter der Brille durch Berichte und Statistiken blättert, sollte sich keine Sekunde lang täuschen lassen. Der Mann ist hellwach. Als Anfang 1998 der bitter geführte Streit um die richtige Antwort auf den Borkenkäfer-Befall seinen Höhepunkt erreicht hatte, schickte das bayerische Staatsministerium niemand anderen als Sinner als den Leitenden Forstdirektor nach Grafenau.

Er war der richtige Mann am richtigen Ort. In Nürnberg hatte er die Umwandlung eines stadtnahen Forstes in einen naturnahen Wald unter den Augen einer kritischen Öffentlichkeit erfolgreich über die Bühne gebracht. Selbst seine Gegner attestieren ihm, dass er aus hartem Holz geschnitzt ist und Beharrlichkeit in der Sache zu seinen hervorstechenden Eigenschaften gehört. Auf zahllosen Bürgerveranstaltungen, in endlosen Gesprächen am runden Tisch und bei wiederholten Ortsterminen im Wald gelang es ihm, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Bürgermeister der Nationalpark-Gemeinden hat er auf seine Seite gezogen und die Wogen so geglättet, dass er sich inzwischen seiner Hauptaufgabe zuwenden kann: modernem Nationalpark-Management.

Sinner führt ein Dienstleistungs- und Service-Unternehmen mit einem Verwaltungsbüro, fünf Sachgebieten und 200 festen Angestellten. Das „Unternehmen Nationalpark“ hat dafür gesorgt, dass in der Region touristische Infrastruktur entstand. Es gibt inzwischen ein exzellentes Angebot an Gastronomie, Übernachtungsmöglichkeiten und Freizeiteinrichtungen von Museen über Bäder bis hin zu Golfplätzen. Dazu kommt ein überragendes Nationalpark-Programm.

Beispiel Hans-Eisenmann-Haus: Rund um das Informationszentrum in Neuschönau mit seinen Dauerausstellungen, Multimedia-Räumen, einer Bibliothek und immer wieder neu gestalteten Erlebnisräumen für Kinder könnte eine Familie gut eine Woche Urlaub machen. Es sind nur wenige Minuten bis zum Felswandergebiet und gar nur wenige Schritte bis zum Eingang des großen Tierfreigeländes. Hier wird auf 200 Hektar und auf Rundwegen die Tierwelt des Parks in Freigehegen und Volieren vorgestellt.

Dieses breit gefächerte Angebot – beispielhaft für viele andere deutsche Nationalparks – hat seinen Preis. Die jährlichen Unterhaltungskosten liegen bei mehr als elf Millionen Euro – eine nicht ganz unwesentliche Summe. „So viel kosten zwei neue Autobahnkilometer“, gibt Sinner lächelnd zurück, bevor er zum Kern der Frage kommt: Natürlich rechne es sich, den Nationalpark Bayerischer Wald aus Steuermitteln zu unterhalten. Wer sonst ist besser geeignet als Behörden in reichen Industrieländern, ein Beispiel zu setzen, das natürliche Erbe zu erhalten und gleichzeitig einen anderen Blick auf Ereignisse wie die Borkenkäfer-Katastrophe zu eröffnen.

„Falsche Perspektive“, sagt Sinner und weigert sich, das Wort Katastrophe in den Mund zu nehmen. Für ihn ist das Auftreten des Borkenkäfers ein Jahrhundertereignis. Und dann spricht der Mann plötzlich vom Farbenspiel im Grau abgestorbener Stämme, vom Glimmen des modernden Holzes in feuchten Wintern und von der seltenen Chance, Zeuge einer tief greifenden Veränderung zu werden.

Sie nimmt nur alle 200 oder 300 Jahre ihren Anfang zwischen Atlantik und Ural: die Geburt einer neuen Wildnis. Also, jetzt auf zum Lusen! Wer möchte am ersten Tag einer langen Schöpfungsgeschichte nicht selbst dabei gewesen sein?

© Jochen Vorfelder

17 April 2005

Reise zum Mittelpunkt der Erde

Ein alter französischer Klassiker! Aber mit deutscher Besetzung! Und im Gegensatz zu den anderen Werken des Romanciers Jules Verne sind in der "Reise zum Mittelpunkt der Erde" die teutonischen Nachbarn keine trotteligen Diener oder perfiden Betrüger. Nein, in dem spannenden Abenteuerepos, das Jules Verne 1864 verfasste, sind der Hamburger Professor Lidenbrock und sein Neffe Axel zwar kauzige, aber durchaus sympathische Zeitgenossen auf spannender Mission.

Alles beginnt damit, dass Lidenbrock, ein angesehener Geologe, in einer alten Chronik eine geheimnisvolle Karte des isländischen Alchimisten Arne Sacknussem findet. Durch Zufall kann Axel das Dokument entziffern: Ein Reisender gelangt, wenn er in den Krater des Vulkans Snaefellsjökull steigt, zum Mittelpunkt der Erde.

Und los geht die Reise in vorweggenommener "Indiana Jones"-Rasanz: Nach Kopenhagen und Island geht es über Gletscher, Vulkane und Höhlen tief in den Erdkern, der manche Entdeckung und Überraschung für die wackeren Forscher bereithält. So viel sei verraten: Einige Plots aus Stephen Spielbergs "Jurassic Park", Tom Hanks epischer Floßfahrt in "Verschollen" und die Verfilmung von "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" kommen einem nach der Lektüre des immerhin 140 Jahre alten Buches seltsam bekannt vor, offensichtlich hat der eine oder andere Drehbuchschreiber hier freimütig Anleihen genommen.

"Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" ist mit knapp über 200 Seiten ein idealer Reisebegleiter für Langstreckenflieger, die der Videofilm-Berieselung überdrüssig sind und sich einem Original widmen wollen. Denn als solches kann neben dem Buch auch Jules Verne selbst gelten: Während er seinen Lebensunterhalt tagtäglich als Börsenmakler verdiente, versank er in seiner Freizeit in eine Welt, die voller Ballone, Luftschiffe, Stahlstädte, U-Boote und Propellerinseln seiner Zeit ganz weit voraus war.

Die Wertung: kurios, aber amüsant. Im Jules-Verne-Jahr 2005 unbedingt lesen!

© Jochen Vorfelder

12 April 2005

3. Kleine Rädchen im Getriebe

Wie viele koreanische Hände den Familienbetrieb Werft am Laufen halten

Über viel Abwechslung, die sie von ihrer Tätigkeit ablenken würde, muß sich Hyo-Sun Kim keine Sorgen machen. Der Arbeitsalltag der 49-Jährigen ist seit sieben Jahren relativ eintönig: Kurz nach sieben Uhr fünfzehn in der Früh betritt sie die Werft; um viertel vor acht steigt sie nach gemeinsamer Gymnastik mit ihren Kollegen von Wan-Woo Lees Brigade in einen Neubau in Dock 2. Nachdem sie ihr Arbeitsgerät an langen Schläuchen in halbhohe, unzugängliche Ecken gezerrt hat, kauert sie sich auf die Knie und schweißt.

Diode nach Diode, stundenlang. Bis abends um fünf, unterbrochen nur von kurzen Verschnaufpausen und einem Mittagsmahl. Eine Naht nach der anderen; ein Tag nach dem anderen. Bis auf den Sonntag. Da arbeitet sie zu Hause im Garten.

Sie ist zufrieden; kritische Anmerkungen zu ihrer Arbeit oder gar Samsung Heavy Industries würden ihr nie über die Lippen kommen. Wozu auch? "Wir sind eine gute Gemeinschaft hier in Dock 2; meine Arbeitskollegen sind auch meine Freunde", sagt Hyo-Sun Kim und verfällt direkt in einen Lobgesang auf Samsung. Für die Werftmitarbeiter bietet der Konzern mehr als einen sicheren Arbeitsplatz - Samsung ist vielen auch Ersatzfamilie.

Samsung tut alles, um die zentrale Rolle im Leben der Beschäftigten einzunehmen: Neben den langen Arbeitszeiten - die Schweißerin Hyo-Sun Kim kommt im Schnitt auf 55 Stunden die Woche - verbringen viele Beschäftigte auch die Freizeit auf dem Werftgelände: auf den Sportanlagen, im Freizeitcenter mit den Bowlingbahnen, dem Hallenbad oder in den Abendschulen. Alle Angebote sind kostenlos; selbst das werkseigene Kino.

Zudem hat jede Samsung-Führungskraft wie Wan-Woo Lee aus Dock 2 ein Spesenkonto für seinen Arbeitstrupp: nicht üppig, aber als Anregung, die Abende gemeinsam in den Bierstuben und Karaoke-Bars, die sich rund um das Werksgelände angesiedelt haben, zu verbringen.

Dort wird das Samsung-Wir-Gefühl hergestellt, das sich auch in der einheitlichen Arbeitskleidung ausdrückt: Von ganz oben auf 80 Meter Höhe, über den Kanzeln der riesigen "Goliath"-Kräne von Dock 3, wuseln Tausende von Kims und Lees und Parks in ihren blaugrauen Arbeitsjacken, Schutzbrillen und Helmen wie ein Organismus, wie Bewohner eines riesigen Ameisenstaates. So kann man offensichtlich billig gute Schiffe bauen.

© Jochen Vorfelder

09 April 2005

2. Der Blick in dunkle Ecken

Wie E.R.Schiffahrt-Mann Werner Brandstaeter den Bau von Schiffen bei Samsung überwacht

Im gefluteten Dock 3, mit 640 Meter Länge und 97 Meter Breite der größte Baubereich auf Samsungs Geoje-Werft, herrscht Hochbetrieb. Drei Tanker liegen bereit zum Ausschwimmen; sie sollen an die Ausrüstungskais verholt werden. Schade nur, daß zwischen ihnen, dem Docktor und dem offenen Meer noch ein halbfertiger Tanker und die zukünftige "E.R. Yantian" liegt. Das bedeutet zusätzliche Rangierarbeit, aber keine sonderlichen Probleme für die Schleppercrews; sie setzen zunächst mit dem Kran eines der 450 Tonnen schweren "tug boats" hinter die Tanker, bevor sie das Tankerbauteil und die kaum angefangene "E.R. Yantian" in die Bucht hinausschleppen und dort vorübergehend parken.

Für mich ist es ein unlösbares Rätsel, wie der Schiffstorso, der eigentlich nicht mehr als ein vorne und hinten offener Stahlklotz ist, sich überhaupt über Wasser hält. "Machen Sie sich keine Sorgen, bei Samsung ist noch kein Schiff untergegangen", lacht Werner Brandstaeter. Für ihn ist der Anblick normal, er hat das in seinem Berufsleben schon x-mal gesehen. Brandstaeter ist Bauleiter für alle Neubauprojekte der E.R. Schiffahrt in Südkorea und derzeit auf der Goeje-Werft stationiert. Er begleitet den Bau der drei 4.250-TEU-Containerschiffneubauten, die im Rahmen eines "Resales" von der Ofer-Gruppe übernommen wurden und allesamt noch im Laufe des Jahres an die E.R. Schiffahrt abgeliefert werden sollen. Alle drei Schiffe, von denen das erste, die "E.R. New York", bereits am Ausrüstungskai liegt, sind für acht Jahre an die französische Linienreederei CMA-CGM verchartert.

Brandstaeters zentrale Aufgabe ist es, nach Kiellegung eines Schiffes zu überwachen, daß die im Bauplan festgehaltenen Spezifikationen eingehalten werden. Jede Schweißnaht, jede Farbschicht, jeder Schaltkasten, jede Einzelheit muß er überprüfen und gutheißen - und letztendlich dafür sorgen, daß die Investorengelder in Qualitätsschiffe angelegt werden.

Theoretisch gibt es - trotz der hohen Qualität bei Samsung und in Korea überhaupt, das will Brandstaeter betont wissen - so manche Möglichkeit für Pfusch am Bau: "Auf 300 Meter Schiffslänge gibt es viele dunkle Stellen. Zum Beispiel muß man vor der Abnahme beim Korrosionsschutz in den Ballasttanks, beim Entfernen von Rostspuren und beim Aufbringen der Schutzfarbschichten in später nicht mehr zugänglichen Schiffsbereichen sehr genau hinschauen. Aber auch in der Maschine, bei den Rohrleitungen, bei der Schiffselektrik gibt es neuralgische Punkte. Wenn man da minderwertige Nähte oder einen Grat übersieht oder durchgehen läßt, tut man sich, dem Eigner und dem Investor keinen Gefallen. Solche Stellen, die arbeiten ewig und entscheiden schlußendlich über die Lebensdauer eines Schiffes und die Dauer des Aufenthalts im Reparaturdock, also über Kosten und Ausfallszeiten."

Vierundzwanzig Stunden später sind Brandstaeter und ich wieder an Dock 3. Alles ist gutgegangen - der Neubau der E.R. Schiffahrt hat den Ausflug in die Bucht offensichtlich gut verkraftet und liegt an einem neuen Bauplatz. Das Dock ist wieder trocken und sauber; die Koreaner haben das Wasser abgepumpt und die toten Fische wie nach jeder Flutung entsorgt.

Brandstaeter turnt in seinem weißen Overall über die Schiffsbaustelle und ist guter Dinge: "Sieht so aus, als ob der Zeitplan für die drei Schiffe exakt eingehalten wird. Dezember 2003 sind wir hier durch." Nicht, daß er ungern auf Samsung wäre, aber just im Dezember wartet auf ihn ein neuer großer Brocken: fünf 7.500-TEU-Schiffe bei Hyundai in Ulsan.

© Jochen Vorfelder

06 April 2005

1. Schnelligkeit und Präzision

Wie Samsung Heavy Industries von Korea aus den Welt-Werftmarkt aufrollen will

Geoje Island ist idyllisch: Zwischen schroffen Bergrücken ducken sich alte Wälder. Kurvige Landstraßen schlängeln sich entlang tief eingeschnittenen Buchten; eine Brücke zum Festland gibt es erst seit 20 Jahren. Das Meer ist wild. Die Insel ganz im Süden der Halbinsel ist eine der beliebtesten Ferienziele Südkoreas - und gleichzeitig eine der produktivsten Industrielandschaften des Landes. Hier werden pro Jahr über vier Millionen Tonnen Stahl verbaut, denn auf Geoje Island haben zwei der größten koreanischen Werften ihren Sitz - Daewoo und Samsung Heavy Industries (SHI), wo derzeit auch drei Schiffsneubauten für die E.R. Schiffahrt entstehen.

SHI am frühen Montagmorgen: Aus den Trabantenstädten von Samsung City - aus der Distanz wirken die Hochhäuser, die das alte Fischerörtchen Geoje überragen, wie bewohnte Tetrapak-Milchtüten - schiebt sich eine unglaubliche Springflut von Arbeitern auf das Haupttor der Werft zu; die Frühschicht mit über 13.000 Beschäftigten. Autos, Mopeds, Fahrräder, sie defilieren vorbei an den etwa hundert Mitarbeitern der Abteilung Arbeitssicherheit, die zusammen mit dem oberen Management - inklusive dem General Manager - verschärfte Arbeitssicherheit propagieren. "150 Tage ohne Unfall" heißt derzeit die Losung.

Ob das klappt, ist fraglich angesichts der rasenden Geschwindigkeit, mit der auf der über 3,3 Millionen Quadratmetern großen Werft aus einzelnen Stahlplatten und -profilen zunächst kleine Bauteile, dann größere Blocks und schließlich massive Segmente für Schiffe fast aller Art zusammengeschweißt werden - Containerschiffe mit Containerstellplätzen bis zu 9.000 TEU, moderne Doppelhüllen-Tanker und Flüssiggas-Transporter mit Längen bis zu 320 Metern; komplette Bauzeit von Ausdruck des Plans bis Übergabe an den Eigner maximal neun Monate. Aber auch Offshore-Anlagen, schwimmende Öllager und Passagierschiffe entstehen auf Geoje Island - SHI drängt auf jeden Markt.

Für das Jahr 2003 hat die Samsung-Werft - die in der innerkoreanischen Größenrangliste nach Hyundai und Daewoo nur an dritter Stelle rangiert - 34 Schiffe projektiert; geplant sind in Zukunft über 40 jährliche Neubauten. Und die Auftragsbücher sind voll: "Bis Ende 2005 sind die vier Docks und der Offshore-Baubereich vollständig ausgebucht", sagt Wan-Woo Lee. Der 38-jährige Ingenieur ist auf der bis in den letzten Arbeitsablauf durchstrukturierten Werft zuständig für einen Trupp von 78 Männern und Frauen. Gemeinsam fügen sie in Dock 2 mit Hilfe von Kränen, die bis zu 500 Tonnen schwere Einzelteile hieven können, einzelne Segmente zusammen. Jeder von ihnen hat dabei einen exakt definierten Auftrag.

Verblüffend ist die Präzision, mit der die schweren Bauteile - wie etwa komplette Maschinenräume oder Wohnaufbauten - vorgefertigt und rangiert werden. Hat der Kranfahrer seine Last abgestellt, wird bei SHI in Südkorea nichts mehr nachgeschnitten, nichts verschoben oder - wie in europäischen Werften üblich - nachträglich angepaßt.

Der Abstand von haushohen Stahlrümpfen beträgt nach dem Absetzen maximal 1, 5 Zentimeter; Bauteile passen exakt, einzelne Kabelschächte oder Druckleitungen werden sofort verschraubt. Wan-Woo Lee ist stolz auf diese Präzision: "Hier liegt auch unser Vorteil gegenüber Werften in Europa. Daß wir Schiffe so günstig anbieten können, liegt nicht allein an den niedrigeren Lohnkosten in Korea, sondern an der Qualität der Arbeit, die meine Leute leisten."

© Jochen Vorfelder