Um Moto Morini war es nach der überraschenden Wiedergeburt der Marke in 2004 wieder ziemlich ruhig geworden - der erste große Wurf, die Corsaro 1200, hatte mit Qualitätsproblemen zu kämpfen und Neues war nicht wirklich nachgekommen.
Inzwischen scheinen die Kinderkrankheiten des Moto Morini-Triebwerks ausgestanden und der italienische Kleinserien-Hersteller aus Casalecchio di Renpo hat ein echtes Schmuckstück: die Scrambler 1200 zum Preis von 11.795 Euro. 116 PS und 105 Nm aus einem 1187 ccm-V-2-Motor, verbaut in einem Stahlrohrrahmen mit Aluschwinge und UpSideDown-Gabel, klassische Speichenräder und einem kühn geschwungenen Edelstahl-Schalldämpfer-Duo. Das gesamte Paket in Nachtschwarz rollt auf den für einen Scrambler passenden Stollenreifen. Würde Steve McQueen noch fahren: Für dieses Schmuckstück würde er das Original von Triumph wohl in die Ecke stellen.
Ich war angefixt. Ein Jahr später bin ich die Scrambler nach langem und schwerem Kampf mit dem unprofessionellen Importeur ("Wie, Journalist? Sie wollen ein Motorrad testen?") dann gefahren. Hätte ich nicht tun sollen; tat meiner Beziehung zu Moto Morini nicht gut.
Totgeburt - ein italienische Experiment
Achim Rauscher wusste natürlich, was auf mich zukommt. "Wir können dir auch gerne eine Maschine mit Straßenreifen geben", hatte der Verkäufer vorgeschlagen, als ich die Moto Morini Scrambler beim Importeur März in Ettlingen abholte. Ach ne, lass mal, warum auch? Fette Gummiklötze, martialische Stollenbereifung an bespeichten Felgen, das gehört zur Optik und zum Wesen eines Scramblers. Wenn schon Retro, dann richtig.
Marlon Brando fuhr einen Scrambler, 1954 in "The Wild One", und Steve McQueen sowieso, und sie schraubten den Standard fest und hoch: viel Kraft aus markigen Viertaktern. Mit längeren Federwegen und hochgelegten Schalldämpfern wurden die Maschinen für den Einsatz in Staub und Schlamm fit gemacht. Leichtere Enduros wie die legendäre XT 500 von Yamaha und Reiseschiffe wie die 1200 GS von BMW machten dem Scrambler-Treiben dann ein Ende, nur Triumph hatte noch einen im Programm. Bis Moto Morini vor einem Jahr auf dem Catwalk sein Revival vorstellte.
Und dies sei zu Ehren der tapferen italienischen Manufaktur, die zur Zeit unter staatliche Aufsicht gestellt gegen die drohende Zahlungsunfähigkeit kämpft, gesagt: Sie haben es stilistisch fast so gut hingekriegt wie die Engländer. Keiner hat in den letzten Jahrzehnten eine kunstvollere und elegantere Interpretation des klassischen Versuchs, Straßen- und Geländemotorrad zu vereinen, abgeliefert.
Moto Morinis Scrambler schreit förmlich nach Publikum, nach Sonnenbrille, Campari Soda und Dolce Vita: Auf der Via Roma oder an der Promenade von Rimini hat er keine Konkurrenz zu fürchten, denn er kommt stilsicher und mit edlen Accessoires daher. Schaut mich an - Gitterrohrrahmen, Upside-Down-Gabel, rechtsseitiges Federbein, zwei Edelstahlschalldämpfer und ein schickes Cockpit.
Doch wie das so ist auch mit italienischen Maßanzügen: Sehen verdammt gut aus, aber sind nicht immer praktisch. Und Motorräder sollte man entspannt fahren können.
Dreiklang aus Rasseln, Rammstein und Ramazotti
Der Starterknopf erweckt ein wassergekühltes V2-Ungeheuer zum Leben, das jede Kontaktaufnahme per Gasgriff mit bösem Morini-Grollen quittiert. Man residiert weich - zu weich - und tief - zu tief - in der Maschine; am Rand der Sitzmulde zwickt ein harter Grad. Aus optischen Gründen sind die Fußrasten hoch - zu hoch - angebracht. Bei längeren Fahrern stört der Kniekehlenznick schon nach wenigen Kilometern - italienisches Design halt.
Der Scrambler, der auf der Basis des Straßenmodells Corsaro entstanden ist, hat den bulligen Morini-1,2-Liter-Motor, der mit unbändigem Drehmoment protzt, und schon ab 2500 Umdrehungen Vortrieb ohne Ende produziert. Die rohe Power hat allerdings, wenn man das Schaulaufen beendet, auch Schattenseiten - und die treten in Verbindung mit den Eingangs erwähnten, coolen Stollenreifen massiv zu Tage.
Die Gummiklötzchen, auf denen das Hinterteil der Maschine ruht, sind für die schiere Kraft des Pakets schlichtweg ungeeignet. Die 117 PS zerren derart am relativ schmalen 150er-Pneu, dass man Fahrwerkspräzision, anständigen Kurvengrip und Lenkruhe getrost vergessen kann. Der Scrambler hoppelt, rutscht, eiert und schiebt, dass es eine wahre Freude ist, wenn man die erste Schockstarre überwunden hat, und die Morini als eigenwilliges Spaß-Gerät auf winklige Landstraßen akzeptiert. Auf allen schnelleren Strecken ist Vorsicht angesagt: Ab 170 km/h ist das Schlingern nur noch schwerlich zu kontrollieren; ein Phänomen, das die Moto Morini übrigens mit der Triumph Scrambler gemein hat.
Die Bremsen, die in die Scheiben am Vorderrad beißen, machen den Macho-Job, die Scrambler in Grenzbereiche zu pilotieren, noch um einiges problematischer. Die Stopper greifen so gewaltig zu, dass die Stollen am Vorderrad schnell blockieren, und permanent unter Materialstress stehen. Die Gummis entwickeln nach spätestens 2500 Kilometern ein ausgeprägtes Sägezahnmuster; der Reifen muss runter. Dass der hintere Pneu etwas länger hält und wohl erst nach 3000 Kilometern komplett weggefetzt ist, tröstet kaum.
Klötzernes Kurvengeschwurbel
Auch der Motor selbst hat seine fetten Macken, denn er hängt gerne am Gas. Langsam fahren mag er nicht. Das Getriebe schaltet sich hervorragend, aber der erste Gang ist mit 70 Sachen so lang übersetzt, dass man im Stadtverkehr permanent zwischen hochtourigem Ruckeln und schlabbernder Kette hin und her schaltet. Auch unentschlossenes Cruisen sollte man vermeiden; wenn der Scrambler unter 2200 Umdrehungen von der Last befreit vor sich hin gurgeln soll, verschluckt er sich reglmäßig und geht- ebenso regelmäßig - schlagartig aus.
Doch das, beruhigt Importeur Rauscher, sei nur eine mindere Einstellungssache und ein schnell lösbares Problem - genau wie die Krux mit den Stollenreifen. "Wir liefern inzwischen die Hälfte der Maschinen gleich mit Straßenbereifung aus", sagt er. "Und spätestens beim ersten Reifenwechsel steigt noch mal die Hälfte der Leute um." Ja, das macht Sinn, nach dieser Testfahrt und dem klötzernen Kurvengeschwurbel.
Doch schade ist die Umrüstung allemal. Was ist ein Scrambler noch ohne grobstollige Gummis? Jedenfalls kein Kunstwerk mehr, keine Ikone. Nur noch ein weiteres italienisches Motorrad. Und davon gibt's viele. Und bessere.
Damit war mein Moto Morini-Bedarf gedeckt. Ich hab den Niedergang der Bastler-Truppe nur noch am Rande verfolgt unds gelegentlich etwas vermerkt, wie z.B. letzten April:
Vor drei Wochen hatten die italienischen Auguren Bein und Stein geschworen, dass Paolo Berlusconi, der Bruder des größten italienischen Staatsführers aller Zeiten, sich den Kauf von MV Agusta vorgenommen hat. MV Agusta wird zur Zeit von Harley-Davidson wie Sauerbier angeboten, das Gerücht war also nahe liegend.
Nach Angaben von motociclismo.it hatte der Mailänder Unternehmer, der bereits die Altmarke Garelli zu seiner Industrie-Gruppe zählt, allerdings bei seinem Shopping-Trip eine andere notleidende Marke im Visier: Moto Morini.
Nach Angaben der Online-Ausgabe von motociclismo.it von heute hat Berlusconi 2,9 Mio. Euro für die Marke, die Patente und die Produktionseinheit in Casalecchio Di Reno geboten - ein Betrag, den Moto Morini dringend brauchen könnte, um weiter Motorräder zu produzieren.
Wurde nichts, aus dem Deal, die Berlusconis haben ihr Geld lieber bei Bunga-Bunga verbraten. Und Moto Morini ging in die Insolvenz.
Bis gestern, am 13. April 2011: Doch beim ersten Bieterverfahren vor einem Gericht in Bologna hob sich keine Hand, die 5,5 Mio. Euro zu zahlen bereit war. Ich wage einen Tipp: auch beim nächsten Termin in rund zwei Wochen und beim abschließenden dritten Bietertermin wird niemand Geld in die Hand nehmen.
Aber anderseits: Es handelt sich um Italien. Und um die italienische Motorrad-Bauer-Erfinder-Konstrukteur-Finanzierer-Liebhaber-Mafia. Da ist alles möglich und noch alles drin ... ich muss die Büchsen ja nicht fahren.













